Die Auslöschung Falludschas zielt nicht allein auf den IS - irakischer Politologe

„Irakisches Blut ist noch billiger als das von Syrern und Palästinensern“

Der Feldzug gegen den Islamischen Staat aus Sicht eines irakischen Politologen
Niemand sollte Zweifel daran haben, was geschehen wird, wenn Falludscha „befreit“ wird. Konfessionelle Säuberung ist ein etabliertes Programm im Irak.
(siehe dazu auch meinen ausführlichen Artikel "Falludscha erneut unter Belagerung - Die Stadt wird ausgehungert und bombardiert", junge Welt, 01.06.2016,
sowie Battle for Fallujah: Protests Needed against Violations of Humanitarian Law
Rene Wadlow
, TRANSCEND, 13.6.2016)
 
Als Regierungstruppen und schiitische Milizen mit ihrer Offensive zur „Befreiung“ Falludschas begannen, erklärte der irakische Premier Haidar al-Abadi, die „irakischen Sicherheitskräfte“ würden „binnen zweier Tage in die Stadt eindringen“.

Vermutlich werden die 20.000–30.000 Angreifer, trotz der notorischen Inkompetenz der Armee und der mangelnden Koordination, der unter sich zerstrittenen schiitische Milizen, am Ende tatsächlich Falludscha einnehmen, schätzt Tallha Abdulrazaq, Forscher am Strategy & Security Institute der University of Exeter. Aus den für Tikrit angekündigten drei Tage wurden allerdings zwei Monate und auch in Falludscha gründen ihre Erfolgsaussichten in erster Linie auf der Unterstützung durch Luftangriffe der US Air Force, denen der Islamische Staat (IS oder arab. Daesch) und die lokalen Verteidiger, die sich durch den sektiererischen Charakter der angreifenden Kräfte an seine Seite gezwungenen sehen, nichts entgegensetzen können. (Tallha Abdulrazaq, The annihilation of Iraq's Fallujah is not only about defeating IS, Middle East Eye, 1.6.2016)

„Doch die Schlacht um Falludscha geht um mehr als nur um den Sieg über den IS“, so der irakische Wissenschaftler, mit gemischter, arabischer, turkmenischer und kurdischer Abstammung, weiter, „und kann auch nicht als Befreiung im eigentlichen Sinn des Wortes gesehen werden.“ Schon ein kurzer Blick auf die jüngere Geschichte genüge um zu verstehen, was nun schon seit Längerem in den sunnitischen Gebieten geschehe, ohne dass zu einem internationalen Aufschrei kommt, und was nun vermutlich auch in Falludscha geschehen werde.

Schaut man was bisher nach der „Befreiung“ geschah, so sieht man, dass ISF [Sicherheitskräfte) und PMF (Popular Mobilization Forces, schiitische Milizen] dem sektiererischen Abschlachten sunnitischer Araber anführten und an einer Stelle sogar filmten, wie eine verbrannte, an den Füßen aufgehängte Leiche mit einem Schwert in Scheiben geschnitten wurde, „wie Schawarma“ [ähnlich wie Döner Kebap]. („Wir werden euch zerschneiden wie Schawarma!", drohte der als „Rambo des Irak“ gefürchtete schiitische Milizionär Abu Azrael in einem Video, das die Tat zeigte.)

„Noch wurde Falludscha nicht eingenommen, doch PMF massakrieren bereits Zivilisten durch Exekution auf freiem Feld, die zweifellos Kriegsverbrechen darstellen. Nach der Eroberung der Kleinstadt Karma, nördlich von Falludscha exekutierten die PMF 17 Männer und Jungen, nachdem sie sie beschuldigt hatten, IS-Aktivisten zu sein.“

„Sunnitische Stammesführer befürchten dass Dutzende weitere Personen, die von PMF in Karma entführt wurden, bald das gleiche Schicksal erleiden werden und riefen die internationale Gemeinschaft und irakische Politiker auf, etwas zu tun, um die fürchterlichen Verbrechen zu stoppen.“

„Hat irgendjemand diese Appelle gehört? Natürlich nicht, da irakische Blut noch billiger ist als das von Syrern und Palästinensern.“

Unter Belagerung

Falludscha hat einen nahezu legendären Ruf unter sunnitischen Arabern als Stadt, die seit 2003 standhaft Widerstand gegen die Besatzung leistete, so Abdulrazaq weiter. Sie war im Januar durch eine Koalition von revolutionären Kämpfern, darunter Organisationen, wie der „Allgemeine Militärrat für die irakische Revolution“, der Regierungskontrolle entrissen worden, nachdem auf Anordnung des „bösartig sektiererischen“ früheren Premierminister Nouri al-Maliki „das ganze Jahr 2013 hindurch friedliche sunnitische Demonstranten „abgeschlachtet“ worden waren. Falludscha sei anschließend keineswegs, wie die Medien es darstellen, vom IS allein kontrolliert worden, als die US-Streitkräfte im Sommer 2014 in den Konflikt eingriffen.

Seit Anfang 2014 stehe Falludscha unter fast vollständiger Belagerung, im Zuge derer auch regelmäßig medizinische Einrichtungen von Regierungstruppen beschossen werden. Schon vor der aktuellen Offensive habe Bagdad mit der Belagerung eine Politik des Aushungerns der Bürger der Stadt betrieben, während nach Berichten des UNHCR der IS begann Männer der Stadt, die nicht kämpfen wollen, zu exekutieren. Die Bevölkerung werde zerschmettert zwischen dem Hammer der vom Iran unterstützten sektiererischen schiitischen Milizen und dem Amboss des brutalen IS.

Sektiererische Säuberung

Es gebe nicht den geringsten Zweifel an dem was geschehen werde, sobald Falludscha „befreit“ ist: „sektiererische Säuberung ist ein gängiges Programm im Irak.“ Tatsächlich werden, so Abdulrazaq, gestützt auf einen Aljazeera-Bericht, aktuell aktiv Gebiete um Samarra von Sunniten gesäubert, um einen Korridor vom Iran zu den heiligen schiitischen Stätten im mehrheitlich sunnitischen Samarra zu schaffen, der frei von Sunniten ist.

„Die ganze Welt schweigt währenddessen und statt sich für Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten einzusetzen, über die ständig geredet wird, schließt man die Augen vor den Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die in sunnitischen Gebieten verübt werden und vor der Fortsetzung des ‚irakischen Holocaust‘, bei dessen Initiierung und Aufrechterhaltung der Westen, neben dem Iran und Iraks anderen Nachbarn, seien es Türken oder Araber, eine enorme Rolle spielt.“

Das Geschehen in Falludscha sei auch ein Hinweis, auf das was bei einem Angriff auf Mosul geschehen wird. Auch dort haben die Sunniten nicht das geringste Vertrauen in die Regierung in Bagdad. Ein interessanter Vorschlag sei, dass UN-mandatierte Friedenstruppen, die Kräfte aus den benachbarten arabischen Länder und der Türkei einschlössen, die Sicherheit der Sunniten garantieren sollen. Er bezweifelt aber, dass die internationale Gemeinschaft es riskieren würde, Bodentruppen zur Friedenssicherung in Mosul einzusetzen. Auch wenn die westlichen Staaten die Welt von der Gewalt des IS befreien wollen, kümmern sie sich offensichtlich nicht um die Gewalt gegen die sunnitische Bevölkerung. Sie lassen lieber die irakischen Regierungstruppen und PMF bei ihren Kriegsverbrechen gewähren, da wohl die Ziele die Mittel heiligen.

Die Beseitigung des IS wird jedoch nicht den Extremismus zerstören, so wie die Schwächung von al-Qaida nicht dazu beitrug, den Terrorismus zu verringern. Tatsächlich blühte er auf und verbreitete sich. „Der IS wird entweder zum traditionellen asymmetrischen Terrorismus zurückkehren, der sowohl regional als internationaler Natur sein wird oder der Horror, mit dem die sunnitische Bevölkerung konfrontiert wird, wird sogar eine noch entsetzlichere Gruppe ausbrüten.“

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