Die kulturelle Säuberung des Irak

Artikel in: Ossietzky 7/2010

(Der folgende Artikel erschien leicht gekürzt in Ossietzky 7/2010 und zusammengefaßt in der Zeitung gegen den Krieg, April 2010)

Viele westliche Kommentatoren reagierten mit großer Begeisterung auf die jüngsten Parlamentswahlen im Irak. Allein aufgrund der gemeldeten akzeptablen Wahlbeteiligung von 62 Prozent sahen sie die Demokratie im Irak gefestigt und das Land auf einem gutem Weg. Manche, wie Jan Ross in der Zeit, sehen nun sogar George W. Bush, Dick Cheney, Tony Blair und die anderen Drahtzieher des Krieges nachträglich im Recht. Eine solche zynische Sicht ist nur möglich, wenn man die Realität – die Zerstörungen des Krieges, den Charakter des von den USA geschaffenen Regimes, die nach wie vor katastrophalen Lebensbedingungen – einfach ignoriert.

Mit einem der vielen finsteren Kapitel der Besatzung, über das kaum berichtet wurde, befaßt sich ein Anfang des Jahres erschienenes Buch: mit der „kulturellen Säuberung“ des Iraks.
 
Die Bilder der Plünderungen und Zerstörungen von Museen, Bibliotheken und anderen kulturellen oder wissenschaftlichen Einrichtungen unmittelbar nach dem Einmarsch der US-geführten Invasionstruppen gingen noch um die Welt. Während das Ölministerium streng bewacht wurde, weigerte sich die US-Armee, bedeutende kulturelle Einrichtungen wie das Antikenmuseum und die Nationalbibliothek in Bagdad zu schützen – ein klarer Verstoß gegen die völkerrechtlichen Pflichten einer Besatzungsmacht.

Kaum beachtet wurde aber die Fortsetzung der Verwüstungen, unter andrem durch Errichtung von US-Basen und durch militärische Operationen in unmittelbarer Nähe historischer Stätten wie Babylon, Ur oder Samarra und durch Grabräuber, die im besetzen Land freie Hand erhielten. Auch heute noch gehen dadurch Tag für Tag unschätzbare Kulturgüter verloren und werden archäologische Zeugnisse vergangener Jahrtausende unwiederbringlich zerstört.

Noch bestürzender jedoch ist die, mit der Zerstörung des kulturellen Erbes einhergehenden Ermordung und Vertreibung der intellektuellen Elite des Landes – ein Verbrechen, das im Westen völlig ignoriert wurde. Tausende Ärzte, Wissenschaftler, Fachleute und Künstler wurden von Todesschwadronen ermordet, verschwanden in Kerkern oder mußten ins Ausland fliehen. „BRussells Tribunal“, der belgische Teil der internationalen Bewegung „Welttribunal über Irak“ (WTI) hat Listen zusammengestellt, in der 432 irakische Akademiker und 343 Medienschaffende, die zwischen 2003 und 2009 ermordet wurden, namentlich erfaßt sind. Die tatsächliche Zahl liegt mit Sicherheit noch viel höher.

Ein im April 2006 in Madrid im Rahmen des „Welttribunals“ durchgeführtes internationales Seminar über die Verfolgung von Akademikern und die eskalierende konfessionelle Gewalt erbrachte bereits viele Hinweise, daß es sich hierbei um eine gezielte Politik der Besatzer handelt.

Das von R.W. Baker, Shereen T. Ismael und Tareq Ismael herausgegebene, bisher nur auf Englisch erschienene Buch „Kulturelle Säuberung im Irak – warum Museen geplündert, Bibliotheken verbrannt und Akademiker ermordet werden“ (Pluto Press, London, 2010) ermöglicht es nun, das ganze Ausmaß dieser Verbrechen zu erfassen.. Das von zwölf irakischen und nicht-irakischen Experten zusammengetragene Material „zeigt auf überzeugende Weise die umfassende Zersetzung der einheitlichen Kultur unter der Besatzung und den Ausbruch sektiererischer Feindseligkeiten, die es zuvor nicht gab“, würdigte der ehemalige UN-Koordinator für die humanitäre Hilfe im Irak, Hans von Sponeck, dieses Buch. (BRussells Tribunal NEWSLETTER 2.2.2010)

All dieser Horror ist eine eindeutige Folge der von der Besatzungsbehörde betriebenen Umwälzung der staatlichen Strukturen. Die Autoren liefern zahlreiche Beweise und Indizien dafür, daß es systematische Pläne gab, „den Irak seines Gehirnes zu entledigen“, und sie sprechen in diesem Zusammenhang von „kultureller Auslöschung“, von „Völkermord mit anderen Mitteln“.

Mit guten Gründen weisen sie die verbreitete Ansicht zurück, die Zerstörung des kulturellen Erbes und der Ausbruch konfessionell orientierter Gewalt seien auf Fehler der Besatzer, auf mangelhafte Planung, Überheblichkeit, Inkompetenz et cetera zurückzuführen. Es handelt sich keineswegs um eine Reihe unglücklicher Fehler und Mißgeschicke der Bush-Administration und des von ihr eingesetzten Chefs der Besatzungsbehörde, Paul Bremer. Die Plünderungen beispielsweise geschahen direkt vor den Augen der US-Truppen, manchmal mit ihrer aktiven Unterstützung, und die Spuren vieler Morde weisen direkt zu den Milizen ihrer irakischen Verbündeten. Die USA selbst führen parallel einen verdeckten Krieg zur „Ausschaltung“ von politischen Gegnern, wofür sie irakische Spezialeinheiten ausbildeten und auch eigene Kommandos einsetzen. Und alles geschah, wie die Beiträge des Buches belegen, in einem Klima völliger Straflosigkeit von Taten gegen das Leben von Irakern oder gegen irakisches Eigentum.

Vorrangiges Ziel der von den Neokonservativen dominierten Bush-Administration war die Zerschlagung des zur Regionalmacht aufgestiegenen Irak. Daher genügte es ihr nicht, nur die Führung des Landes auszuwechseln. Die gesamte Armee und Polizei sowie große Teile der staatlichen Verwaltung wurden aufgelöst. Alle Ministerien, mit Ausnahme des Öl- und des Innenministeriums, ließ man mitsamt ihren Unterlagen verbrennen. Wie viele Eroberer vor ihnen versuchten die Amerikaner durch die Zerstörung von Kultur und Identität sowie durch die Ausschaltung der intellektuellen Eliten ein Wiederstarken eines unabhängigen Irak langfristig zu unterbinden.

„Im Fall des Irak erforderte diese Politik den Terrorismus des US-Militärs, die Zerstörung der Infrastruktur und Massaker an Menschen“, so der Amtsvorgänger Hans v. Sponecks im Irak, Dennis Halliday.
Ziel war die „Formbarkeit“ der irakischen Gesellschaft durch Beseitigung des Teils der Intelligenz, den eine so komplexe Gesellschaft für ihren Zusammenhalt braucht, wie auch durch Zerstörung der „zeitlosen und ineinander verwobenen Kultur“ – beides „entscheidend für die Anerkennung der einheitlichen Identität“ des Landes und des „hart erarbeiteten Nationalbewußtseins durch die verschiedenen Völker des Irak“. Das Buch zeigt, so Halliday, daß die Beseitigung solcher Akademiker, Wissenschaftler und anerkannter Persönlichkeiten „als notwendig für die Abwicklung des Staates erachtet wurde“. Für ihn ein Fall von „kulturellem Genozid“.

Keiner der Autoren des Buches macht allein die Invasoren für alles verantwortlich. Offensichtlich jedoch ist die Zerstörung von Kulturgütern, des historischen Gedächtnisses und der sozialen Zusammensetzung der irakischen Nation das Ergebnis des verbrecherischen Krieges. Um die Taten einzelnen Tätern zuordnen zu können, sind, auch darin stimmen die Autoren überein, noch erheblich umfassendere Untersuchungen nötig. Gesucht werden aber auch noch Gerichte, die die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.

Der „messianische Aspekt“ der Neokonservativen ist mit dem Amtsantritt Barack Obamas zwar aus der Irak-Politik Washingtons verschwunden, schreibt der belgische Philosoph und Theologe François Houtart, einer der führenden Köpfe des Weltsozialforums, in seiner Rezension, doch offensichtlich nicht die anderen Aspekte der bisherigen Politik.

Ein großer Teil der besten Köpfe des Iraks wurde ermordet oder vertrieben, darunter viele unabhängige Persönlichkeiten, die eine positive politische Rolle in einem befreiten Irak spielen könnten. Sie könnten heute für viele Millionen Gegner des Besatzungsregimes sprechen. Beim jüngsten Urnengang standen sie nicht zur Wahl.

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