Hubschrauber-Massaker in Bagdad war kein Fehltritt

Image: Lance Page / t r u t h o u t

Das Video über die Ermordung von Zivilisten durch US-Kampfhubschrauber im Irak schlägt in den Medien durchaus einige Wellen - doch nur als Sensation, als Zeugnis eines außerordentlichen Ereignisses. Engagierte Journalisten und Irak Veteranen bemühen sich daher deutlich zu machen, dass der Angriff der beiden Apache-Hubschrauber am 12. Juli 2007 leider kein Ausnahmefall, keine Tat einer durchgeknallten Crew war, sondern einer von vielen ganz „normalen“ tödlichen Einsätzen.

So unterstreicht Glenn Greenwald in Salon.com die Bedeutung dessen, dass das Video es der Öffentlichkeit ermöglicht mit eigenen Augen zu sehen, wie die Besatzungstruppen agieren. Er sieht gleichzeitig die Gefahr, dass es nur als Fehltritt behandelt wird, obwohl es im Gegenteil ein Standardeinsatz war. Das einzig besondere an ihm, dass wir davon wissen und selbst sehen können wie er ablief.
 
Und wir können es sehen, weil a) zufällig zwei Leute von Reuters unter den Opfer waren und der Vorfall mehr Aufmerksamkeit erhielt als in Tausenden von ähnlichen Fällen, wo es namenlose Iraker erwischte sowie b) mutige Menschen das Video an die Öffentlichkeit brachten. (Iraq slaughter not an aberration, Salon.com,, 6.4.2010)

„Doch was es zeigt ist vollständig normal. Das gilt nicht nur für die initiale Tötung einer Gruppe von Männern, von denen die allermeisten ganz klar unbewaffnet sind, sondern auch für die völlig willkürliche Ermordung eine Gruppe unbewaffneter Männer (mit ihren Kindern) die einen unbewaffneten, schwerverwundeten Mann in Sicherheit bringen wollten.“
Ein Hauptgrund, so Greenwald weiter, dass Hunderttausende Zivilisten im Irak und in Afghanistan getötet werden, ist weil der Krieg genauso geführt wird.

Dies bestätigen ihm auch US-Soldaten in ihren Zuschriften: „90% von dem, was im Video passiert, ist Alltag im Irak, seit sieben Jahren. Und die 10%, die abweichen, sind allein der Umstand, dass zwei der getöteten Gentlemen Journalisten waren.“

Dahr Jamail, ein engagierter US-Journalist, der mehrfach im irakischen Kriegsgebiet war, erinnert an die Aussagen von Irak-Veteranen während des „Winter Soldier Hearings“ im März 2008, die über eine Vielzahl vergleichbarer Vorfälle berichteten.

Die Einsatzregeln wurden, je mehr die Besatzer in die Bredouille kamen, immer rücksichtloser. Bald reichte es, „wenn einer eine Schaufel trug, auf dem Dach mit dem Handy telefonierte oder nach der Ausgangsperre noch unterwegs war, um getötet zu werden“ so Jason Wayne Lemue, ein Marine, der dreimal zum Kriegseinsatz in den Irak mußte. „Ich kann Euch nicht sagen, wie viele Menschen deswegen starben. Bei meiner dritten Tour, wurde uns nur noch gesagt, schießt die Leute ab und die Offiziere würden sich um uns kümmern.“ (Dahr Jamail, Iraq War Vet: "We Were Told to Just Shoot People, and the Officers Would Take Care of Us", Truthout, 7.4.2010)

Ein anderer GI, Hart Viges, berichtete, dass sie einmal den Befehl erhielten, auf alle Taxis zu feuern, aus dem einfachen Grund, dass sie erfahren hatten, dass der Gegner Taxis benutzten.

Den Einheiten wurde zudem mit einem Augenzwinkern empfohlen, ein paar Extra-Waffen mitzuführen, sogenannte „drop weapons“. Diese konnten dann neben getötete Zivilisten gelegt werden, wenn sich herausstellte, dass sie unbewaffnet waren - so wurden auch sie zu "Terroristen".

Im Normalfall bleibt diese Art der Kriegführung in den aktuellen Kriegen verborgen – im Unterschied zum Vietnamkrieg früher und im Unterschied zur arabischen Welt heute, die zumindest die Folgen der Angriffe im Fernsehen sehen können.

James Fallow in The Atlantic schlägt seinen Landsleuten eine Übung vor, die sicherlich sehr erhellend wäre: sich einfach einmal die Reaktion in den USA vorzustellen, wenn die getöteten Leute am Boden US-Bürger gewesen wären und die an den Bordkanonen Iraker, Iraner, Russen oder Chinesen.

Dass es sich bei dem Hubschrauberangriff vom 12.7.2007 nicht um ein individuelles Fehlverhalten der beteiligten Hubschrauberbesatzungen handelte, lässt sich schon daran erkennen, dass kein Angriff ohne ausdrückliche Autorisierung ihrer Vorgesetzten erfolgte.

Die Untersuchen des US-Militärs, deren Berichte nun, nach der Veröffentlichung des Videos vom Pentagon freigegeben wurden, kamen daher folgerichtig auch zum Schluß, dass die Angriffe gerechtfertigt waren und die Besatzungen völlig im Einklang mit den Einsatzrichtlinien handelten. (U.S. Military Releases Redacted Records on 2007 Apache Attack, Questions Linger, Wired.com, 7.4.2010)

Die unabhängigen Journalisten Rick Rowley und David Enders, die damals völlig „uneingebettet“ im Irak recherchierten, waren zufällig am Tag nach dem Angriff vor Ort. Sie hörten damals schon eine ganze andere Version des Geschehens, eine die dem entspricht, was jetzt auf dem Video zu sehen ist. Doch Rowley und Enders Berichte wollte hierzulande kaum jemand hören. (One Day After 2007 Attack, Witnesses Describe US Killings of Iraqi Civilians, Democracy Now!, 8.4.2010´)

Die Schriftstellerin Haifa Zangana schließlich, die zweimal auch auf Irak-Konferenzen in Berlin sprach, weist auf den rassistischen Hintergrund dieser Art von Kriegsführung hin. Während die westlichen Besatzer in ihren ausgeklügelten Hightech Mordmaschinen sitzen, „fühlen sie sich als Superman, während die Iraker am Boden nur als namenlose Bastarde erscheinen, als Hadschis und Sandnigger, als Untermenschen – derart ihrer Menschlichkeit entkleidet, fällt es leicht, sie zu töten.“ ('As I watch the footage, anger calcifies in my heart',
The Guardian, 10.4.2010)
„Während ich es mir ansehe, fühle ich die Wut mein Herz verhärten neben dem Zorn, den ich noch immer über die anglo-amerikanischen Massaker spüre: Haditha (das mit dem My Lai Massaker während des Vietnamkriegs verglichen wird), Ishaqi (wo im Juni 2006 11 Zivilisten ermordet wurden), Falludscha, die Vergewaltigung und Ermordung von A’beer al-Janaby und ihrer Familie, der britische Camp Breadbasket Skandal.

„Wie oft hört man vom Trauma von US-Soldaten, wenn sie jemand aus ihren Reihen verlieren“, so Zangana weiter, „wie selten hört man von Menschen wie der irakischen Witwe, deren Ehemann erschossen wurde und die mir im letzten Sommer in die Augen sah und sagte: ‚Aber wir haben doch nicht ihr Land überfallen.‘
Im Unterschied zu diesem Video wird das Gefühl der Ungerechtigkeit, das sie empfindet, nicht mit der Zeit vergehen. Es ist eingraviert in das kollektive Gedächtnis und wird bleiben, bis Gerechtigkeit hergestellt sein wird.“

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