Große Erdgasvorkommen vor der Levanteküste – ein weiterer Kriegsgrund in Nahost?

Wie Probebohrungen gerade bestätigten, liegt vor der Levante-Küste ein riesiges Erdgasfeld. Der Fund ist einer der größten weltweit in den vergangenen zehn Jahren. Das Vorkommen wurde 135 Kilometer westlich von Haifa innerhalb des Seegebietes entdeckt, das Israel als seine ausschließliche Wirtschaftszone betrachtet. Anerkannte Seegrenzen gibt es jedoch nicht und libanesische Politiker drohen Israel mit ernsten Konsequenzen, falls sich das Land einfach die Vorkommen an sich reißen würde.

Update:
Der folgende Beitrag erschien leicht gekürzt und redaktionell überarbeitet junge Welt v. 06.01.2011 (Scherpunktseite): Streit um Rohstoffe, Drohende Worte u. Grenzziehung auf See

Zum Ausdrucken gibt es den Beitrag mit Karten und Quellangaben als PDF-Dokument.
 


Quelle: U.S. Geological Survey  - vergrößern
Riesige Gasvorkommen

Nach Angaben der beteiligten Firmen liegt das neu entdeckte „Leviathan“-Gasfeld 5100 Metern unter dem Meeresspiegel und hat ein Volumen von rund 450 Milliarden Kubikmetern. Es ist damit doppelt so groß wie das ein Jahr zuvor entdeckte Feld „Tamar“.

Das Feld ist Bestandteil gigantischer Erdgasvorkommen im Levante-Becken ("Levant Basin Province") dessen Anrainer Zypern, Syrien, Libanon und Israel sind. Der Umfang dieser Reserven wird vom United States Geological Survey auf 3,5 Billionen Kubikmeter förderbarem Gas geschätzt, eine Menge, äquivalent zu 20 Milliarden Barrel Öl.

Israel hat bereits für alle Gebiete vor seiner Küste Explorations-Lizenzen an private Firmen vergeben.
Das größte Gebiet ging an ein vom texanischen Energiekonzern Noble Energy geführtes Konsortium, an dem die israelischen Firmen Delek Konzern, Avner Oil Exploration und Ratio Oil Exploration mit jeweils 22,7% bzw. 15% beteiligt sind (Leviathan as big as estimated, Globes -Israel business news, 29.12.2010).

Erfolg hatte dieses Konsortium nun bei seiner Suche mit den Gasfeldern Tamar und Leviathan.


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Quelle: Ministry of National Infrastructures,
Map of Petroleum Rights
Tamar kann schon alleine den israelischen Bedarf decken. Mit dem doppelt so großen Leviathan-Feld könnte Israel zum Exporteur werden. Die beiden Felder könnte laut The Economist jährlich Gas im Wert von vier Milliarden Dollar liefern, der Gesamtwert der Vorkommen wird in der Los Angeles Times auf 300 Mrd. geschätzt – kein Pappenstiel also.

Umstrittene Wirtschaftszonen

Für Noble Energy und die israelische Regierung liegen beide Vorkommen eindeutig innerhalb israelischer Gewässer. Dies wird allerdings nicht nur vom Libanon angezweifelt. Insbesondere das ausgedehnte Leviathan-Feld erstreckt sich nach Ansicht von Experten ziemlich sicher auch in libanesische und zyprische Gewässer.

„Rein rechtlich gesehen liegt das Feld jenseits der territorialen Gewässer beider Länder [Israel & Libanon], die nur 12 Seemeilen (22 Km) ins Meer hineinreichen, so Meris Lutz und Batsheva Sobelman in der LA Times vom 26. Juni. Länder können zwar eine ausschließliche Wirtschaftszone bis zu 200 Seemeilen (370 km) von der Küste weg für sich deklarieren, doch keines der Länder scheint dies getan zu haben.“ Ein israelischer Experte habe der israelischen Zeitung Haaretz erklärt, dies sei nicht nötig, da sich das Öl unter dem israelischen Kontinentalsockel befinde. Das ist jedoch dreister Unsinn, da dieser selbstverständlich fließend in den libanesischen übergeht.

Die Grenzziehung von exklusiven Wirtschaftszonen ist ein sehr komplizierter Prozess. Die UN-Seerechtskonvention beinhaltet Richtlinien für Seegrenzen, Israel hat diese Konvention jedoch nicht unterzeichnet. So oder so müssen Grenzen von beiden Seiten anerkannt werden.

In der Regel können sie nur durch langwierige Verhandlungen zwischen den betroffenen Staaten festgelegt werden. Oft müssen internationale Schiedsgerichte eingeschaltet werden. Verhandlungen mit dem Libanon sind jedoch auf absehbare Zeit ausgeschlossen.

Israelisches Abkommen mit Zypern

Da das nahe der libanesische Grenze gelegene Haifa nur ca. 148 Seemeilen (275 Km) von Zypern entfernt ist, kann sich Israels Wirtschaftszone auch nur bis zur Hälfte dieser Entfernung, also knapp 140 Km erstrecken. Leviathan liegt genau in diesem Gebiet. Mit Zypern konnte sich Israel jedoch laut AP vor kurzem über eine Aufteilung des Seegebietes einigen.
Das Demarkationsabkommen wird von anderen Anrainerstaaten allerdings argwöhnisch beäugt. Ägypten ist in Sorge, dass seine Ansprüche verletzt werden. Die Türkei sperrt sich, weil es die „türkisch-zypriotischen Rechte“ nicht berücksichtige.

Energy Nobel dagegen ist in einer komfortablen Situation, da es gleichzeitig mit einer zyprischer Lizenz in Gewässern nach Gas forscht, die sich direkt an das Leviathan Prospect anschließen. Seine Lizenz umfasst Block 12 auf der auf der Karte der EAGE (European Association of Geoscientists & Engineers), die die Gebiete des Levantebeckens (mit Ausnahme der israelischen) zeigt, die mit seismischen Verfahren nach Gasvorkommen durchsucht wurden.

Quelle: Eastern Mediterranean Fields Map, Israel Petroleum Company - Resources
(Zur Erläuterung siehe: Offshore oil treasures in eastern Mediterranean sea, Neftegaz.ru, 4.3.2010.)

Schwierige Grenzziehung

Der Libanon würde - im Gegensatz zu Zypern - direkte Verhandlungen verweigern, entrüstete sich der Sprecher des israelischen Außenministerium Yigal Palmor. Das zeige, dass dessen Ansprüche nicht ehrlich seien. Er übersah geflissentlich, dass sein Land sich offiziell noch im Krieg mit seinem Nachbarn befindet und der Libanon sich aus gutem Grund weigert, Absprachen über Seegrenzen zu treffen, solange die Grenzen auf dem Land nicht geklärt sind.



Quelle: The Economist, 16.11.2010
Bei gegenüberliegenden Küsten liegt es nahe, die Grenze entlang der Mittellinie zwischen ihnen zu ziehen. Bei nebeneinander liegenden Ländern und einem einigermaßen geraden Verlauf der Küste führt das Prinzip des gleichen Abstands zu einer Grenze, die von der Küstenlinie senkrecht ins Meer läuft. Die Seegrenze zu den libanesischen Gewässern, die man auf den Karten mit den neuen Ölfeldern findet, wurde offensichtlich so gezogen.

Dies ist in der Tat die übliche Methode, allerdings nur für einen ersten Ansatz. Sie erfordert zudem eine Einigung auf Triangulationspunkte auf beiden Seiten der Küste, die Buchten, Inseln etc. berücksichtigt. Diese erste provisorische Linie ist nur im Idealfall fair und muss in folgenden Schritten und Verhandlungen an die örtlichen Gegebenheiten angepasst werden.(Craig Murray hat dies einmal bzgl. des Disputs um die Grenze zwischen Iran und Irak beschrieben) So führt die Methode bei Ländern, die eine nach innen gebogene Küste haben dazu, dass ihre Zone mit der Entfernung von der Küste immer schmaler wird. Das trifft an sich auf die israelische Küste zu. Im Bereich der Grenze zum Libanon ist sie jedoch seewärts gebogen, wodurch sich die von Israel beanspruchte Zone stark nach Norden weitet. Schon bei einer kleinen Korrektur würde die Grenze mitten durchs Leviathan-Feld laufen.
(Einen Eindruck, wie kompliziert die Festlegung von Seegrenzen ist, gibt das IGH-Urteil zum Streit zwischen Katar und Bahrain vom 16. März 2001. )

Ein anderer, durchaus noch üblicher Ansatz wäre, die Landgrenze zwischen zwei Staaten ins Meer hinaus zu verlängern. Sowohl Rußland als auch Norwegen zeichnen so konzipierte Grenzen ins arktische Meer hinaus, um ihre Ansprüche dort zu untermauern. Bei Anwendung dieser Methode könnten beide neuen Gasfelder leicht auf die libanesische Seite fallen. Ein Schiedsgericht würde vermutlich einen Kompromiss zwischen den verschiedenen Ansätzen anregen.

So oder so, müssen die Lagerstätten erst genauer vermessen werden, so Catherine Hunter, die für die Region zuständige Expertin von IHS Global Insight gegenüber Reuters, um die genauen Ausmaße zu erkennen und zu sehen, woher das Gas kommt. Denn das Gas könnte auch aus anderen Lagerstätten zu den Bohrstellen geströmt kommen. Gas kenne keine nationalen Grenzen. Die Unterwasserressourcen „könnten sich sehr gut bis in libanesische Gewässer erstrecken“, so Hunter an anderer Stelle.
Auch die Seegrenzen müssten dringend geklärt werden. Der Streit um Landgrenzen, insbesondere die israelische Besetzung der Shebaa Farmen und der Golanhöhen würden nicht gerade das Vertrauen stärken, dass Israel sich an internationale Regeln halten werde.

Tatsächlich existiert noch keine anerkannte Grenze zwischen Israel und dem Libanon. Als die israelischen Truppen sich 2000 zum Abzug gezwungen sahen, zog die UNO eine „Blaue Linie“ als provisorische Grenze, hinter der sich Israel zurückziehen mußte. Die UNO betonte stets, dass diese Linie keineswegs eine rechtlich verbindliche Grenze sei. Der Grenzziehungsprozess wurde zwar begonnen, jedoch bisher nicht beendet.

Israel hat dennoch bereits eine lange Reihe von Bojen auf See platziert, die die von ihr definierte Grenze ins Meer hinaus markieren soll und die von der israelischen Marine auch mit Waffengewalt verteidigt wird. Libanon hat sofort dagegen protestiert, da die Linie viel zu stark nach Norden zeige. Die UNO hat diese Linie nicht als rechtlich verbindlich anerkannt, die UN-Friedenstruppen halten jedoch einen 2 km breiten Sicherheitsabstand dazu ein um Zusammenstöße mit israelischen Kriegsschiffen zu vermeiden. Er glaube nicht, dass die UNO sich hier zu allem Übel auch noch in den ohnehin extrem komplexen Prozess der Ziehung einer Seegrenze verwickelt lassen möchte, so Timur Goksel, ein ehemaliger führender Offizier der UN-Friedenstruppen im Südlibanon.

Drohende Worte

Libanesische Politiker haben Israel mehrfach eindringlich davor gewarnt, in libanesischen Gewässern zu bohren. „Wir werden weder Israel noch irgendeiner Firma, die für Israel arbeitet, erlauben sich etwas von unserem Gas, das in unsere Zone fällt, zu nehmen“, so Libanons Energieminister Gebran Bassil.
Das libanesische Parlament bemüht sich nun rasch das längst überfällige Gesetz über die Ausbeutung von Öl- und Gasreserven zu verabschieden. Die libanesische Regierung hat vor kurzem auch bei der UNO Dokumente eingereicht, in denen sie ihre Definition der Seegrenzen darlegt. Das Land will nun so schnell wie möglich selbst nach Vorkommen suchen, bevor sich Israel noch mehr unter den Nagel reißt. Es hinkt allerdings zeitlich stark hinterher. Der Feind habe schon begonnen die Vorkommen zu erforschen, während der Libanon erst ein Energiegesetz erforscht, schimpfen Hisbollah-Leute mit bitterer Ironie.

Im Gegenzug zu den libanesischen Protesten hat der israelische Minister für Infrastruktur, Uzi Landau die libanesischen Parteien mit deutlichen Worten gedroht, dass Israel nicht zögern werde, Gewalt anzuwenden, um seine Investitionen in Gasfelder zu sichern.

Die Libanesen fürchten jedoch ohnehin, dass „Israel, basierend auf seiner Geschichte der Besetzung unseres Landes und dem Raub unseres Wasser, in Libanons Gewässer bohren und seine Rohstoffe stehlen wird," so ein Mitarbeiter des Parlamentssprechers Nabib Berri.
Der Libanon werde seine Rechte auf keinen Fall aufgeben, weder zu Land, zu Wasser oder in der Luft, sondern alle Mittel einsetzen, diese Rechte zu verteidigen, warnte ein weiterer Vertrauter Berris Israel.

Auch die Hisbollah warnte, sie würden auf keinen Fall zulassen, dass Israel libanesische Gasressourcen stehle. „Die Notwendigkeit des Widerstands hat sich im Libanon angesichts der israelischen Drohungen Libanons Ölressourcen zu stehlen, verdoppelt“, so Hisbollahs Exekutivratschef Hashem Safieddine im Juli. „Die Notwendigkeit den Reichtum vor den Küsten zu schützen zwingt uns in Zukunft die Fähigkeiten des Widerstands zu stärken.“

Die Berichte der westlichen Medien über die Gasfunde legen jedoch nahe, dass auch in diesem Fall dem Libanon weder das Insistieren auf internationales Recht noch Drohungen etwas nützen werden. Israels Ansprüche werden offensichtlich vom Westen ohne weiteres akzeptiert werden.

Große Förderanlagen auf dem Meer und Pipelines sind im Konfliktfall recht verletzlich Ziele. Hisbollah könnte die israelischen mit Raketen angreifen und enormen Schaden anrichten, befürchten daher Associated Press und New York Times. Israel plane deshalb wohl, auf und um alle Plattformen auf See Raketenabwehrsysteme zu installieren, wie z.B. das neue System „Iron Dome“ dessen Entwicklung vermutlich auch aus diesem Grund mit so hohem Aufwand betrieben werde.

Denkbar in der israelischen Logik wäre aber auch ein präventiver Ansatz. Durch einen erneuten Angriff auf den Libanon, könnte Israel versuchen, seinen hartnäckigsten und erfolgreichsten Widersacher in der Region, Hisbollah, so zu schwächen, dass libanesische Angriffe auf israelische Anlagen im Meer auf absehbare Zeit ausgeschlossen sind.

Gas vor Gaza



Quelle: AFP, 29.12.2010 -- vergrößern
Die Palästinenser, vor allem in Gaza verfolgen die Entwicklung gleichfalls angespannt. Ende der 1990er Jahre war es fast so weit gewesen, dass der Konzern „British Gas“ in Zusammenarbeit mit der Autonomiebehörde vor der Küste des Gazastreifens palästinensisches Gas gefördert und an Israel verkauft hätte. Ariel Sharon hatte das Projekt jedoch sofort gestoppt, als er Ministerpräsident wurde. Die Gasfelder Marine 1 und 2, deren Ressourcen im Verhältnis zu Leviathan und Tamar nicht üppig sind, liegen seither brach.

Als Israel vor zwei Jahren den Gazastreifen drei Wochen lang zusammenbombte, vermuteten einige Experten, z.B. Michel Chossudovsky, dass es Israel beim brutalen Vorgehen gegen die Bewohner der abgeriegelten Enklave auch um die Kontrolle der Gasvorkommen vor der Küste Gazas geht.

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