Libyen nach dem NATO-Mord an Gaddafi

Die Art und Weise der Ermordung des libyschen Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi ist exemplarisch für den ganzen Krieg und unterstreicht einmal mehr dessen verbrecherischen Charakter. Der Jubel westlicher Politiker und Medien über seinen Tod zeugt nicht nur von deren rapiden zivilisatorischer Verfall, sondern auch von der Unfähigkeit aus früheren Untaten zu lernen. In Afghanistan und im Irak ging der Widerstand nach dem anfänglichen Sieg der Aggressoren erst richtig los. Die aktuellen Siegesfeiern dürften sich daher sehr schnell als genauso verfrüht erweisen, wie George W. Bushs „Mission accomplished“ im Mai 2003. (»» Druckversion als PDF)
 
Lynchmorde

Zuverlässige Informationen über die Umstände von Gaddafis Ermordung gibt es wie immer kaum. Doch wer genau ihn liquidierte ist zweitrangig. Sicher scheint, dass französische Kampfjets und US-amerikanische Killerdrohnen seinen Konvoi zusammenbombten und damit die siebenmonatige Jagd der NATO auf das faktische Staatsoberhaupt eines einst souveränen Staates erfolgreich abschlossen. Ihre Bodentruppen, die libyschen Rebellen-Milizen, mussten – wie immer – das Werk nur noch vollenden.

Als der Oberst ihnen in die Hände fiel war er noch am Leben, wenn auch durch die Luftangriffe verwundet. Wenig später war er tot – getötet allem Anschein nach durch einen aufgesetzten Kopfschuss.[1] Sein Sohn Mutassim wurde offenbar auf ähnliche Weise getötet.

Die NATO sagt nach Mafia-Art, sie habe nicht gewusst, wer alles im Konvoi ist und nur– als eine Art rabiate Verkehrspolizei – auf dessen hohe Geschwindigkeit reagiert. Der BND, der auch Anspruch auf einen Anteil am Erfolg anmeldet, steckte dem Spiegel jedoch, dass ihm der Unterschlupf Gaddafis in Sirte „seit Wochen“ bekannt gewesen sei.[2] Das klingt nach Prahlerei, vermutlich hatten die deutschen Spione nur Hinweise darauf, dass er sich in einem Teil von Sirte aufhielt. Plausibler sind die Meldungen, dass die NATO durch Erfassen von Funktelefonsignalen den ungefähren Aufenthaltsort ermitteln konnte. Als sich aus dem mutmaßlichen Stadtviertel Fahrzeuge in Bewegung setzten, wurden sie durch Kampfbomber und Drohnen gestoppt und größtenteils zerstört. [3] Die NATO berichtet, von einem Konvoi von anfänglich 75 Fahrzeugen, der durch eine erste Angriffswelle auf die führenden Fahrzeuge gestoppt wurde. Weitere 11 Fahrzeuge wurden dann in einer zweiten Welle mit Raketen unter Beschuss genommen.[4])

Mit ziemlicher Sicherheit waren dann auch schon Spezialeinheiten der NATO-Armeen zusammen mit Rebellen-Milizen in der Nähe des Geschehens.[5] Dem israelischen Militärinformationsdienst DebkaFile zufolge, legen „Berichte militärischer Quellen“ sogar nahe, dass es NATO-Spezialeinheiten waren, die Gaddafi aufspürten und gefangen nahmen. Sie hätten ihm in beide Beine geschossen und anschließend den Misrata-Milizen übergeben, überzeugt, diese würden ihn umbringen.[6]

Es handelt sich somit bei der Aktion zunächst um ein weiteres Kapitel des extrem ungleichen Kampfes zwischen den Verteidigern der libyschen Souveränität und den angreifenden NATO-Mächten. Letztere verfügen über die stärksten Streitkräfte der Welt und brachten das modernste Arsenal an Waffen, Aufklärungssystemen und Mittel der psychologischen Kriegsführung zum Einsatz. Satelliten, Kampfjets und Drohnen ermöglichen es ihnen aus der Luft nahezu jede größere Bewegung des Gegners zu entdecken und alles, was verdächtig erscheint, ohne Gefahr für sich selbst anzugreifen und – auch rein prophylaktisch – mit ihrer ungeheuren Feuerkraft auszulöschen. Spezialeinheiten kundschafteten und markierten zu zerstörende Gebäude und Infrastrukturanlagen, leiteten die Aktionen der Rebellenmilizen und steuerten das Eingreifen von Kampfjets und -hubschrauber in die Bodenkämpfe. Dass sich Sirte unter diesen Bedingungen zwei Monate halten konnte, wird in Afrika vermutlich in die Heldengeschichten des afrikanischen Unabhängigkeitskampfes eingehen.

Nicht nur der DekbaFile-Bericht legt nahe, dass es wahrscheinlich Milizen aus Misrata waren, die Muammar al-Gaddafi und seinen Sohn liquidierten. Dafür spricht auch, dass die Leiche nicht in die Hauptstadt, sondern nach Misrata geschafft und dort zur Schau gestellt wurde.[7] Die Misrata-Rebellen, die bereits durch ihr brutales Vorgehen in den Nachbarorten berüchtigt wurden, zeigen wenig Neigung, sich denen aus Bengasi, die nun die Führung des ganzen Landes beanspruchen, unterzuordnen.

Auf das Konto dieser Milizen ging vermutlich auch die Exekution von 53 Gaddafi-Anhängern im Hotel Mahari. An dessen Eingang und an Wände im Innern gemalt, fand man die Namen von fünf bekannten „Brigaden“ aus Misrata, die in diesem Hotel wohl ihre Basis hatten: die „Tiger Brigade (Al-Nimer), die „Unterstützungs-Brigade” (Al-Isnad), die Jaguar-Brigade (Al-Fahad), die Löwen-Brigade (Al-Asad) und die Zitadellen-Brigade (Al-Qasba). [8]

Man sollte sich die Namen merken. Es steht zu befürchten, dass man auch in Zukunft noch von ihnen hören wird.

NATO für kurzen Prozess

Viele Beobachter sind überzeugt, dass der Mord unmittelbar auf das Konto der NATO geht. Schließlich hatte Hillary Clinton zwei Tage zuvor bei ihrer Hubschrauber-Blitzvisite in Tripolis praktisch zu seiner Ermordung aufgerufen, indem sie als ihren Hauptwunsch nannte, „dass Gaddafi bald festgenommen oder getötet“ werde. „Ich denke die Ermordung war von den NATO-Ländern organisiert“, meint unter anderen auch Sam Nujoma, der langjährige Präsident Namibias, der den Überfall auf Libyen als Auftakt für neokoloniale Angriffe auf den ganzen Kontinent sieht.[9]

Ob nach der Gefangennahme eine direkte Anweisung zur Ermordung Gaddafis aus Paris oder den Washington kam, ob Spezialtruppen direkt vor Ort waren oder ob die Milizionäre ihn selbsttätig killten, ist nicht so entscheidend. Fakt ist, dass die Ermordung des charismatischen Revolutionsführers von Anfang an eines der wichtigsten Ziele der Bombenangriffe war. Interesse daran, ihn lebend in die Hände zu bekommen, hatten die Aggressoren sicherlich nicht.

Bei einer Gefangennahme hätte ein öffentlicher Prozess gedroht, der für die Beteiligten sehr viel Unangenehmes zu Tage gefördert hätte. Er hätte insbesondere deutlich werden lassen, dass es für die Behauptungen, mit denen der Krieg gerechtfertigt wurde, keine Beweise gibt. Wie u.a. Stellungnahmen des Pentagon oder der Bundesregierung zeigen, waren die wichtigsten ja schon zum Zeitpunkt der Verabschiedung der UN-Resolution haltlos gewesen. Ein solcher Prozess hätte leicht zum Tribunal gegen die NATO-Staaten werden können, in dem gezeigt wird, dass das militärische Eingreifen auf der Seite verbündeter Rebellengruppen gerade nicht  – wie von der UN-Resolution gefordert – einer politischen Lösung und dem „Schutz der Zivilbevölkerung“ diente, die NATO vielmehr jegliche Vermittlungsbemühungen torpedierte und einen Krieg entfesselte, dem vermutlich bereits weit über 50.000 Libyer zum Opfer fielen.

Die NATO-Mächte sind, wie in Afghanistan und Irak, sehr bemüht, die Zahl der Opfer ihrer als „wohltäterisch“ verkauften Intervention zu verschleiern. Tönte General Tommy Franks beim Überfall auf Afghanistan schlicht „Wir machen keine Leichenzählung“ so entgegnet nun die NATO auf Meldungen über zivile Opfer stets listig und verlogen, sie habe „keine Truppen am Boden in Libyen und folglich keine zuverlässige Methode, die Vorwürfe ziviler Opfer zu verifizieren.[10] Und was die NATO nicht bestätigt, das bleibt auch für die meisten Medien nur ein Gerücht oder Feindpropaganda.

Westliche Party-Laune und Scheinwelten

Denn nicht nur der verbrecherische Krieg ist ein Rückfall ins 19. Jahrhundert, in die Zeit der Kolonialkriege. Auch die westlichen Medien fallen auf die moralischen Standards dieser Zeit zurück. So herrschte auch auf allen Fernseh-Kanälen und im größten Teil der Printmedien unverhohlene Freude über den Tod Gaddafis. Nicht wenige Kommentatoren sahen Vorteile darin, dass das libysche Staatsoberhaupt liquidierte wurde, für fast alle stand die Freude im Vordergrund, dass er ein für allemal ausgeschaltet ist und erachteten es als nebensächlich, wie er zu Tode kam.

Zu den besonders widerlichen Beispielen gehört der Leitartikel von Julia Gerlach „Ein Grund zu feiern“ in FR und BerlZ in dem sie verkündet: „Der Tod von Muammar al-Gaddafi ist erst einmal ein Grund für eine Party.“ Dass der Gefangene liquidiert wurde, habe „auch etwas Gutes: Gaddafi im Gefängnis und vor Gericht hätte sicherlich keine Gelegenheit ausgelassen, weiter Unruhe zu stiften und für Verwirrung zu sorgen.“

Auch sogenannte „Experten“ begrüßen seine Ermordung. „Der große Vorteil“ sei, dass nun kein Gerichtsverfahren stattfinden müsse, meint der Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz, Günter Meyer, im „Deutschlandfunk“.[11]

Wer so in Party-Laune ist, wie Gerlach und Kollegen, den juckt es natürlich nicht, dass dem Angriff auf Gaddafis Konvoi eine zweimonatige Bombardierung und Belagerung der Küstenstadt Sirte vorausgegangen war, durch die sie weitgehend zerstört und mehrere Tausend Bewohner getötet wurden.[12] „Die Heimatstadt Gaddafis wurde ins finstere Mittelalter gebombt,“ meldet z.B. BBC-Reporter Wyre Davies direkt aus dem Ort.[13] Davies und sah die Leichen von über 50 Gaddafi-Anhängern die gefesselt liquidiert wurden. Auch Menschenrechtsorganisationen hatten Dutzende Opfer von Massenhinrichtungen an Gegnern der Rebellen entdeckt. [14] Peter Bouckaert, der Leiter der Notfall-Abteilung von Human Rights Watch, sieht diese „als Teil eines Trends des Tötens, Plündern und anderen Misshandlungen durch bewaffnete Anti-Gaddafi-Kämpfer, die sich über dem Gesetz stehend dünken.“ [15]

Afrikanische Kommentatoren vergleichen Sirte bereits mit dem irakischen Falludscha oder dem baskischen Gernika. Tatsächlich wurde an Sirte wie an diesen Städten ein Exempel statuiert, das als Warnung weit über das angegriffene Land hinaus dienen soll.

Die meisten Medien bauen sich in ihren Berichten eine hübsche Scheinwelt vom „befreiten Libyen“ zusammen, indem sie alles ausblenden, was nicht zum Bild passt –  z.B. auch die Gräueltaten der aufständischen Milizen bei der brutalen Verfolgung aller, die man der Loyalität zum bisherigen Regime verdächtigt. [16]

Verfrühte Siegesfeiern

Die moralische Verkommenheit der Berichterstattung wird dabei meist noch durch Dummheit und Ignoranz übertroffen. Jetzt, wo der ehemalige Machthaber tot ist, so tönen die Kommentatoren, würden seine Anhänger aufgeben. Der Krieg sei nun vorüber und ein neues, freies und glückliches Zeitalter könne nun endlich in Libyen anbrechen.

Doch nur wer den Krieg in Libyen auf einen Kampf der Aufständischen gegen Gaddafi reduziert, oder gar das Bild „Diktator gegen das Volk“ für bare Münze nahm, kann glauben, dass er nun zu Ende ist. Es gibt jedoch weder Grund zur Annahme, dass der Widerstand gegen die NATO und ihre libyschen Verbündeten nun vorbei ist, noch dass die neuen Herren dem Land eine fortschrittliche Entwicklung bescheren werden – ganz im Gegenteil.

Die Rebellen haben offensichtlich nur einen kleinen Teil der Libyer, vor allem im Osten, hinter sich. Ohne das militärische Eingreifen der NATO wäre der Aufstand nur eine kurze und räumlich begrenzte Episode geblieben. Auch heute könnten sich nicht alleine behaupten. Der als neue Regierung fungierende Übergangsrat verfügt über keine echte Legitimation und selbst unter den Rebellen über wenig Autorität. Die gestürzte Regierung wiederum hätte ohne starke Unterstützung der Bevölkerung nicht solange der NATO trotzen können. „In Libyen gibt es vielleicht Millionen Menschen, die Gaddafi nicht mögen, aber sehr wohl seine Errungenschaften schätzen“ meint zu Recht der prominente norwegische Friedensforscher Johan Galtung.

Diese werden sicherlich nicht die Kräfte, die für die Zerstörung ihres Landes verantwortlich sind, nun ohne weiteres als neue Herren akzeptieren und auch nicht dem Ausverkauf der libyschen Ressourcen an die Sieger einfach zusehen. Insbesondere die Frauen, die bisher eine für arabische Verhältnisse sehr weitgehende rechtliche Gleichstellung genossen, dürften nicht nur wegen der angekündigten Wiedereinführung strikten, islamischen Rechts alarmiert sein, sondern auch durch die Dominanz islamistischer Kräfte unter den Aufständischen.[17] Diese kommandieren nicht nur die Milizen, die nun die libyschen Städte kontrollieren, auch der Chef des Nationalen Übergangsrats, Mustafa Abd el-Dschalil trägt das für Islamisten ehrenvolle Mal derer, die das Beten mit emphatischem Aufschlagen der Stirn auf den Boden der Moschee verbinden.[18]

Der größte Teil der Opposition, die nun von der NATO an die Macht gebombt wurde, ist geprägt durch den Hass auf die liberale religiöse Ausrichtung der libyschen Dschamahirija und die Entmachtung religiöser Autoritäten, die faktisch eine Trennung von Staat und Religion bedeutete. Verworfen wurden die brutalen Strafen im islamischen Recht und schließlich wurde auch der in der Scharia verankerte absolute Schutz des Privateigentums als inkompatibel mit einer auf das Gemeinwohl ausgerichteten Ökonomie erklärt.[19] Für die im Osten relativ starken religiös-konservativ bis radikal-islamistischen Kräfte, wie auch für die arabischen Monarchen, war daher das libysche Gesellschaftsystem reine Blasphemie. (Der libysche Großmufti Scheich Said al Ghiryani machte dies vor kurzem erneut deutlich, indem er Kritik islamischer Gelehrter am Umgang mit Gaddafis Leichnam mit der Begründung zurückwies, dieser sei kein Moslem mehr gewesen.) Die angekündigte Annullierung aller Gesetze, die der Scharia widersprechen, wird in vielen Bereichen massive Rückschritte bringen, vom Familienrecht, bis zur Bildung und Gesundheitsversorgung.[20] Für viele Frauen in den „falschen“ Berufen, könnte es das berufliche Aus bedeuten.

All dies wird sicherlich auf vehementen Widerstand stoßen. Diesem werden die neuen Herren mit brutaler Repression begegnen, die, wie im Irak, alles was es vorher gab, weit in den Schatten stellen wird.

Bisher hatte Libyen den höchsten Lebensstandard in Afrika. Damit ist es nun auf absehbare Zeit vorbei. Die ehemalige Agentin des britischen Mi5 Annie Machon z.B. wirft der NATO vor, Libyen zurück in die Steinzeit gestürzt zu haben. „Sie hatten freie Bildung, Gesundheitsversorgung, sie konnten im Ausland studieren. Wenn sie heirateten bekamen sie einen gewissen Geldbetrag.“ Zogen sie bisher den Neid anderer Afrikaner auf sich, so werden sie diesen Lebensstandard nicht wieder erreichen und die Frauen werden den bisherigen hohen Grad an Emanzipation einbüßen, so Machon.[21]

„Willkommen im neuen Libyen. Intolerante islamistische Milizen werden das Leben libyscher Frauen in eine lebende Hölle verwandeln“, befürchtet auch Pepe Escobar von der Asia Times. „Hunderttausende sub-saharaische Afrikaner [...] werden unbarmherzig verfolgt. Libyens natürlicher Reichtum wird geplündert,“ so Escobar weiter. „Es wird Blut fließen, Bürgerkriegsblut, weil Tripolitanien sich weigern wird von der rückschrittlichen Kyrenaika regiert zu werden.“[22]

Besatzung und Widerstand

Auch wenn viele westlichen Experten die eine oder andre Widrigkeit gesellschaftliche Risse im Land durchaus erwähnen und von der Notwendigkeit reden, die diversen Kräfte, inklusive Anhänger des alten Regimes einzubinden, zeigen die meisten einen großen Optimismus, dass der Übergangsrat dies schon bewerkstelligen könne – mit massiver Hilfe der NATO natürlich, wenn das auch selten offen gesagt wird. Eine solche Einheitsregierung ist jedoch nur eine Politologen-Illusion. Die verschiedenen Rebellen-Fraktionen versuchen sich schon gegenseitig heraus zu drängen und denken im Traum nicht daran, Kräfte des bisherigen Regimes einzubeziehen und auch die NATO wird sich schwerlich mit solchen Ideen anfreunden, solange sie mit starkem Widerstand gegen ihre Libyen-Pläne konfrontiert sind.

Bisher hat der Übergangsrat es noch nicht einmal geschafft, eine Übergangsregierung zusammenzustellen – zu heftig sind die Differenzen zwischen den neoliberalen Exil-Libyer und den Abtrünnigen des alten Regimes, die ihre Autorität durch ihre Beziehung zu den NATO-Mächten beziehen auf der einen sowie den Warlords der Rebellenmilizen und den islamistischen Führungsfiguren auf der anderen Seite. Hinzu kommen noch die vielen ausländischen Herren, denen es der Übergangsrat recht machen muss, neben den dominierenden Nato-Mächten mischen auch Katar, das sehr viel in den Krieg investierte [23] und die Türkei eifrig mit. Mahmut Dschibril, Chef des Exekutivrates des NTCs wurde z.B. fotografiert, nachdem er dem türkischen Premier Erdogan die Liste der Ministerkandidaten gezeigt hatte. Ein Teil der Namen ist zu lesen.

Der Übergangsrat, „die Dachorganisation, die zusammengebastelt wurde, um die Aufständischen unter Kontrolle zu bringen, ist mit keiner Ideologie in der Lage Libyen zu regieren, ganz zu schweigen von einer konstitutionellen Demokratie,“ meint George Friedman, der stets recht nüchtern analysierende Chef des privaten US-amerikanischen Nachrichtendienstes Stratfor. Die einzigen Leute mit Regierungserfahrung seien die ehemaligen Mitglieder der libyschen Regierung. Um diese herum, so Friedman weiter, gruppierten sich eine Reihe von Stämmen, die in unterschiedlichen Graden der Feindschaft gegeneinander stehen und radikale Islamisten, deren Stärke und Fähigkeiten noch unbekannt sind, die aber Zugang zu erheblichen Mengen an Waffen haben.[24]

Auch nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers Jochen Hippler droht Libyen zu zersplittern. Wer das Land durchreist, der sieht, so Hippler, dass das Land bereits in verschiedene Machtzonen aufgeteilt ist, die auch militärisch gegeneinander abgesichert werden.[25]

Der Politologe Timo Behr hofft, dass es durch die Ermordung Gaddafis „einen schnelleren Heilungsverlauf“ im Land gibt, sieht aber ebenfalls die Gefahr eines „Dezentralisierungs- und Zerfallsprozess“. Im Lauf der Bürgerkriegs (den er „Revolution“ nennt), hätten sich gravierende Trennlinien ergeben. „Wir sehen, dass die größten Probleme für die Bildung einer Übergangsregierung die Konflikte darstellen, die es zwischen Bengasi im Osten, dem Zentrum um Misrata und der Nafusa-Bergregion im Nordwesten gibt.“ [26]

Lisa Anderson, die an der American University in Kairo zu Libyen forscht, sagt dem Land in der New York Times eine "schreckliche Zukunft"  vorher. Lange Zeit sei eine „morbide Faszination“ für Gaddafi das einzige gewesen, was die Libyer vereint hätte. [27]

Noch steht auch das Territorium nicht vollständig unter nomineller Kontrolle der NATO und des Übergangsrats. In vielen Gegenden weht weiterhin die grüne Fahne der Dschamahirija und der Widerstand der Gaddafi-loyalen Kämpfer wird auch dann nicht zu Ende sein, wenn diese erobert sind. Die Rebellen haben auch Tripolis längst noch nicht vollständig im Griff. Die große Siegesfeier nach dem Tod Gaddafis, bei der sie das Land als „befreit“ erklärten, wurde daher nicht in der Hauptstadt des Landes, sondern in Bengasi abgehalten.

„Gaddafi hat nicht 42 Jahre regiert ohne erhebliche Unterstützung zu haben, das legt auch das Durchhaltevermögen derer nahe, die für ihn kämpften“ meint auch George Friedman. „Gaddafi ist tot, aber nicht alle seiner Anhänger. Und es gibt auch noch andere Elemente im Land, die vielleicht keine Gaddafi-Unterstützer sind, aber nicht weniger interessiert daran, sich denen zu widersetzen, die nun versuchen die Macht zu übernehmen – und sich Allen entgegenstellen, die als vom Westen gestützt angesehen werden.“

Evgeny Minchenko, Direktor des russischen International Institute for Political Expertise, ist überzeugt, dass man, um den Widerstand zu stoppen, alle Anhänger Gaddafis ausrotten müsse. An den indirekten Mordaufruf Hillary Clintons kurz vor seiner Ermordung erinnernd, fragt sich Minchenko in Russia Today, ob sie nun auch noch zum Mord der restlichen Familie aufrufe. „Es wird interessant sein, zu beobachten, ob der sogenannte ‚Humanismus‘ der amerikanischen Führung so weit gehen wird.“ [28]

Friedman sieht Parallelen zum Irak, wo eine Vielfalt von Gruppen nach dem Fall Bagdads entstand und gegen die neue Führung einen Guerillakrieg führten. Die Lehre aus dem Irak sei, dass man nur durch den Einsatz einer überwältigenden Streitmacht die Opposition ausschalten könne. Angesichts der großen Zahl derer, die sich vermutlich gegen die Pläne der Kriegsallianz für Libyen stellen werden, lässt sich seiner Meinung nach, das Land nur durch eine massive Besatzung durch die NATO („innoffiziell natürlich“) stabilisieren, die Alternative sei „enormes Chaos“.  Am wahrscheinlichsten sei jedoch, eine Präsenz von NATO-Truppen, „die groß genug ist, das libysche Volk in Wut zu versetzen, aber nicht ausreicht, sie einschüchtern.“  [29]

Viele Experten gehen davon, dass die Ermordung Gaddafis und der entwürdigende Umgang mit seiner Leiche den Widerstand nicht eindämmen, sondern anheizen wird. Der „Machtkampf zwischen Pro- und Anti-Gaddafi-Kräften“ wird einfach weitergehen, so z.B. das israelische Portal Debka-File, ergänzt durch das Streben nach „Blutrache“ von Gaddafis Clan und dessen Verbündeten. „Ihr eigener Gaddafah-Stamm und seine Verbündeten, die Warfalla, Al-Awaqir and Magariha, werden nicht ruhen bis den Tod ihres Führers gerächt werden.“ Diese Stämme würden außerdem niemals dulden, dass ihr „Territorium vom Übergangsrat und den Kyrenaika-Stämmen, die der Übergangsrat repräsentiert, regiert werde.“ [30]

Jeremy Keenan, Professor für soziale Anthropologie an der School of Oriental and African Studies in London, befürchtet, dass sich insbesondere im Süden Libyens ein sehr starker Widerstand von Gaddafi-Anhängern etablieren könnte, mit der Sahelzone als Hinterland würde und getragen vor allem von militärisch ausgebildeten und erfahrenen Tuareg-Kämpfern aus Libyen und den Sahel-Ländern – für ihn ein „Alptraumszenario“.  Ausgangspunkt könnten die bestehenden Widerstandsnester mit ihren Festungsanlagen sein, u.a. rund um Sebha, den Traghan Oasen, dem Wadi al-Ajal, Oubari und Ghat.

Der „Premierminister“ des Übergangsrates, Mahmud Dschibril, hatte kurz vor Gaddafis Tod ebenfalls die Befürchtung geäußert, die Tuareg-Stämme des südlichen Libyen, Niger, Süd-Algerien und Mali könnten den Oberst und seine Getreuen im Kampf um die Rückeroberung der Macht unterstützen.[31] Diese Gefahr ist für die Rebellen und ihre Mentoren keineswegs gebannt. Interviews mit Tuareg-Kämpfern die aus Libyen zurückkehrten legen nahe, das eine erhebliche Zahl von ihnen bereit wäre, weiter zu kämpfen, insbesondere wenn genügend Geld dafür zur Verfügung stünde. Viele Tuareg in Niger und Mali würden sich nach wie vor Gaddafi verpflichtet fühlen, angesichts dessen, was er für sie getan hat. Da Gaddafi auch unter den übrigen Völkern der Sahelzone viele Anhänger hat, hätte eine Befreiungsbewegung gegen das von der NATO eingesetzte Regime gute Rückzugsgebiete in dieser Region, gegen die die dortigen Regierungen schwer vorgehen könnten. Die Regierung Nigers hat bereits angekündigt, sie würde keine Gaddafi-Anhänger, die ins Land geflohen sind, wieder zurückschicken.

Die Menschen hier mussten nach dem Wegfall der libyschen Investitionen und Hilfeleistungen durch den NATO-Krieg viele Hoffnungen in Entwicklungsprojekte begraben. Die Länder haben seither monatliche Milliardenverluste durch den Wegfall des Handels und der Überweisungen von Arbeitsmigranten aus Libyen zu verkraften und mussten ihre Haushalte drastisch zusammenkürzen. Hunderttausende Arbeiter, die aus Libyen vertrieben wurden, sind ohne jede Perspektive. Die Wut auf die NATO und ihre libyschen Handlanger ist dementsprechend groß. [32]

Entwickelte sich der Widerstand in Afghanistan und Irak erst einige Monate nachdem die US-geführten Truppen das ganze Land unter Kontrolle gebracht hatten, so hat in Libyen der Guerillakampf schon lange vorher begonnen. Und es ist leicht vorauszusehen, dass Muammar al-Gaddafi dabei als Märtyrer weiterleben wird.


[1] Range, Obduktion ergab: Gaddafi wurde hingerichtet, hintergrund.de 24.10.2011, Obduktion von Gaddafi-Leiche – Libyscher Übergangsrat trotzt Uno-Forderungen, Spiegel Online, 22.10.2011
Übergangsrat will Leiche Gaddafis nicht obduzieren, DiePresse.com, 22.10.2011, "Niemand wird den Körper öffnen", stellte der Militärrat in Misrata klar
[4] Drohnen und Kampfjets - Wie der Nato-Luftschlag auf Gaddafis Konvoi ablief, Standard, 21.10.2011, Operational Media Update, NATO AJF-Kommando Neapel, 20.10.2011
[5] 'NATO had boots on ground in Libya', An  Israeli intelligence source says US and British forces had surrounded the hideout of former Libyan ruler Muammar Gaddafi two weeks before he was captured and killed., PRESS TV, 25.10.2011
[6] After helping to kill Qaddafi, NATO prepares to end Libya mission, DEBKAfile, 21.10.2011
Mit der Übergabe hätten sie zum einen zu vermeiden gesucht, dass ihre UN-Mandats-widrige Anwesenheit aufflog. Zum anderen wollten sie den Rebellen „einen „psychologischen Sieg“ verschaffen, vor allem nachdem diese selbst dabei scheiterten, ihn im Kampf um Sirte zu fassen
[7] Gaddafi-Leiche – Eine Trophäenschau, wie bei erlegten Tieren, WELT Online, 22.10.2011
[9] Nujoma condemns Gaddafi killing, New Era (Windhoek), 26.10.2011
[10] Civilian cost of NATO victory in Libya, RT (Russia Today), 20.10.2011
[12] Moussa Ibrahim, Sprecher der weggebombten Regierung, schätzte bereits am 19. September die Zahl der durch NATO-Angriffe getöteten Einwohner auf von 2.000, siehe Civilian cost of NATO victory in Libya, RT (Russia Today), 20.10.2011
[13] Wyre Davies, Gaddafi's home town Sirte blasted into the Dark Ages, BBC News, 26.10.2011
[18] Sabine Kebir, Libyen: Die Lebenden und der Tote,  Der FREITAG, 28.10.2011.
[19] Dirk Vandewalle, A history of modern Libya, Cambridge University Press, 2006
[21] Civilian cost of NATO victory in Libya, RT (Russia Today), 20.10.2011
[22] How the West won Libya, Asia Times, 21.10.2011
[23] Katar unterstützte nicht nur finanziell und logistisch, sondern auch mit mehreren „hundert Soldaten in jeder Region“:  Qatar admits it had boots on ground in Libya, Daily Star, 26.10.2011
[24] George Friedman, Libya and Iraq: The Price of Success, STRATFOR, 25.10.2011
[25] „Libyen droht zu zersplittern“, Interview mit Jochen Hippler über den Tod Gaddafis, tageschau 16:00 Uhr, 20.10.2011
[26] „Ich hoffe auf einen schnelleren Heilungsverlauf“, Interview mit Timo Behr, Der Standard, 21.10.2011
[27] Zitiert nach Matthias Kolb, Nach dem Sieg ist vor dem Kampf – Gaddafis Tod und die Folgen für Libyen, Süddeutsche Zeitung, 21.10.2011
[28] Gaddafi’s end is not the end of the war, RT (Russia Today), 20.10.2011
[29] George Friedman, Libya and Iraq: The Price of Success, a.a.O.
[32] Jeremy Keenan, Libya and the Sahel's nightmare scenario, Al Jazeera, 28.9.2011

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