Fantasie und Realität in Teheran

Der fast schon legendäre britische Journalist Robert Fisk gehört auch aktuell zu den wenigen westlichen Journalisten, die sich um professionelle, unparteiische Berichterstattung bemühen. Eine schwierige Aufgabe, da so Fisk, "in Teheran Fantasie und Realität ungleiche Bettgenossen" sind. "Doch wenn sie einmal vereint sind und sich mit Hochgeschindigkeits-Ungenauigkeit in der Welt ausbreiten sind sie auch tödlich." (In Tehran, fantasy and reality make uneasy bedfellows, The Independent, 20.6.2009).
 
Er bringt zahlreiche Beispiele von Gerüchten, die im Internet und den Medien die Runde machten und sich bei näherem Hinsehen, als haltlos erwiesen. Klassische Zeitungsenten waren z.B. die Story von einem angeblich während der Proteste getöteten Studenten oder die Besetzung des zentralen Wahlkampfbüros Mussawis durch Basiji-Milizen, wo die uniformierten Männer die Fisk dort vorfand, zu Mussawis eigener Garde gehörten. Auch von den Milizionären der libanesischen Hisbollah, die angeblich an der Seite der iranischen Bullen gegen Demonstranten vorgingen, fand sich keine Spur.

Natürlich würden auch viele Vorwürfe stimmen, wie die Abschaltung der SMS-Dienste und andere Maßnahmen, die die Mussawi-Anhänger hindern sollen, weitere Proteste zu organisieren. Von der berühmten Anweisung an alle Journalisten, sie dürften über keine Demonstrationen mehr berichten, hat er allerdings nie etwas gehört. Einen Hinweis darauf erhielt er erst, als er CNN ein Interview verweigerte (weil deren Berichterstattung so parteiisch ist) und sie ihn fragten, ob er Angst habe.
Er war jedoch problemlos 12 Stunden am Tag in den Straßen unterwegs. Dass die Bilder brutaler Polizeieinsätze gegen die politische Opposition in den Straßen Teherans die Welt schockierten, sei völlig richtig. Doch niemand habe Vergleiche gezogen mit Polizeikräften, die Demonstranten in den Straßen Westeuropa verprügelten.

Fisk hat durchaus seine Zweifel, ob die verkündeten Wahlergebnisse wirklich ganz korrekt sind. Er bezweifelt aber noch mehr, dass sie westlichen Journalisten, die sich fast ausschließlich in den Hotels im wohlhabenden Norden Teherans aufhalten, umgeben von Zehntausenden von Mussawi-Anhängern, die fließend englisch sprechen, beurteilen können, ob der Wahlsieg Ahmadschineschad plausibel ist.

Kaum eine Nachrichtenagentur hatte die Möglichkeit in einem Land herumzureisen, da sieben mal so groß wie Britannien ist. Als er sich z.B. in den Armenvierteln im Süden Teherans umsah, stellte er fest, dass die Zahl der Ahmadinedschad-Anhänger in dem Maße wuchs, wie der Mussawis wegtröpfelte.

Lobend erwähnt Fisk eine Crew des britischen Senders Channel 4, die bis nach Isfahan runterfuhr und die Dörfer rund um die schöne Stadt besuchte. Sie kamen zurück mit dem starken Verdacht, Ahmadinedschad könnte doch die Wahl gewonnen haben.

Sein Verdacht ist, dass der Amtsinhaber tatsächlich gewann, der Sieg aber künstlich ausgebaut wurde, z.B. von 52 auf 63%. Die klerikalen Führer könnten seiner Meinung nach gedacht haben, dass nur ein überwältigender Sieg die Reputation seiner Herausforderer endgültig zerstören könne.

Doch sollten sie tatsächlich wegen einem solch begrenzten Gewinn, ein derart hohes Risiko eingegangen sein? Da habe ich meine Zweifel.

Trackback URL:
//jghd.twoday.net/stories/fantasie-und-realitaet-in-teheran/modTrackback

Kontakt

jguilliard(a)yahoo.de
»» Neue Einträge per E-Mail abonnieren

Suche

 

Aktuell & Wichtig

»» Neue Blogadresse: Da Twoday im Februar angekündigt hatte, den Laden bis Ende Mai zu schliessen, habe ich den Blog umgezogen auf: https://jg-nachgetragen.blog/ Da die Plattform nun doch weiter betrieben wird, bleiben die Beiträge hier weiter zugänglich. Neue werden hier gespiegelt.

»» Bitte unterzeichnen:
- Kriegsvorbereitungen stoppen! Embargos beenden! Solidarität mit den Völkern Irans und Syriens!
- „Hände weg von Iran und Syrien

Aktuelle Beiträge

Syrien: „Stiller Tod durch Sanktionen“
Berichterstattung von UN-Sonderbeobachter Idriss Jazairy...
JGuilliard - 3. Jun, 01:15
Kriegsdrohungen und Wirtschaftskrieg ‒ die...
Heidelberg, 13.6.2019 (erscheint, leicht gekürzt in...
JGuilliard - 3. Jun, 01:10
„Stoppt die Kriege - Solidarität mit den...
"Syrien zwischen Kriegstrommeln und Wiederaufbau" Rede...
JGuilliard - 18. Mai, 21:26
Verständigung mit Russland, Rechenschaft...
Der u.a. von Attac Aschaffenburg-Miltenberg und den...
JGuilliard - 18. Mai, 21:24
Göttinger Friedenspreis ‒ Diffamierungsversuche...
Leserbrief zu "Weniger Unterstützer für Göttinger Friedenspreis",...
JGuilliard - 18. Mai, 21:17
"Humanitäre Hilfe für Venezuela" geschickt...
Auch in Deutschland organisiert die "Coalición Ayuda...
JGuilliard - 18. Mai, 21:17
Übrig bleiben Totenstädte ‒ Die verschleierte...
Erweiterte und aktualisierte Fassung des Beitrags "Vernichtungskriege...
JGuilliard - 18. Mai, 20:59
„Raus aus der Nato”
Joachim Guilliard, 30.9.2018 (ungekürzte und unredigierte...
JGuilliard - 18. Mai, 20:25

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Status

Online seit 4937 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 17. Jun, 01:21

Credits


Afghanistan
Europa
Internationales
Irak
Iran
Lateinamerika
Militarisierung
Nahost
NATO
Nordafrika
Propaganda
Umwelt
USA
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren