Einseitiges Gedenken an NineEleven

Über die Zahl der Opfer der Terrorkriege nach dem 11.9.2001

In den USA wurde wieder landesweit der knapp 3000 Menschen gedacht, die bei den Anschlägen am 11.9.2001 getötet wurden. Auch fast alle hiesigen Medien erinnerten daran. An die ungleich höhere Zahl von Opfer der Kriege, die die USA im Anschluß führten, erinnerte niemand.
 
Ein Blogger hat vor 2 Jahren mal versucht, die Diskrepanz zwischen der Zahl der Opfer von Terroranschlägen im Westen und der der Terrorkriege im Irak und Afghanistan grafisch darzustellen: Civilian Death Statistics in Iraq & Afghanistan Compared

Die Grafiken sind beeindruckend, auch wenn die Zahlen der Opfer der US-geführten Kriege äußerst konservativ geschätzt wurden. Die Zahl der Opfer im Irak lag damals schon vermutlich gut dreimal so hoch und auch die in Afghanistan sind sicherlich viel zu niedrig angesetzt.

Helen & Harry Highwater haben in ihrem Blog Unknown News ganz aktuell die Zahlen addiert, die sie für das Minimum halten und kommen auf mindestens 753.399.( Casualties in Afghanistan and Iraq) Bzgl. Irak haben sie die unterste Grenze des Schätzintervalls der Lancet-Studie von 2006 genommen und extrapoliert. Zu den Ziviltoten haben sie schließlich noch die getöteten Soldaten gezählt.
Demnach wurden bis jetzt 251 Mal soviel Menschen in Afghanistan und Irak getötet wie bei den Anschlägen am 11.9.2001 und mehr als 108 mal soviel wie in allen (nichtstaatlichen) Terroranschlägen weltweit zwischen 1993-2004.

Die Schätzung für Irak ist mit 733.280 zwar sehr konservativ, doch die Größenordnung stimmt. Die Zahl für Afghanistan ist mit 20.119 (davon 11.152 afghanische Soldaten und nur 7.589 Zivilsten) jedoch um ein vielfaches zu gering geschätzt.

Während man die Größenordnung im Irak aufgrund der Lancet-Studien recht gut einschätzen kann, ist eine realistische Schätzung der Opfer des Afghanistankrieges schwierig.
Es geistern viele verschiedenen Zahlen herum, von denen man nur eines sicher sagen kann: sie sind alle viel zu niedrig.
So gibt z.B. für 2008 die NATO 237 getöteten Zivilisten an, die UN Assistance Mission in Afghanistan (UNAMA) 2.118 und die in Kabul ansässige NGO "Afghanistan Rights Monitor" (ARM) 3.917 (s. Afghanistan: Trauriger Rekord bei toten Zivilisten, SZ, 17.02.2009, Afghan unrest killed 4,000 civilians in 2008, AFP 21.1.2009, Annual Report on Protection of Civilians in Armed Conflict, 2008, UNAMA, 11.2.2009)

Auf einer Seite von Wikipedia zu „Civilian casualties of the War in Afghanistan (2001–present)“, die sich bemüht die verfügbaren Infos zusammenzufassen, werden die verschiedenen Zahlen pro Kriegsjahr gegenübergestellt. Auch der Afghanistan Conflict Monitor stellt auf einer Seite Civilian Casualty Data zusammen.

Unknown News hat die Zahl der afghanischen Ziviltoten den Statistiken von Prof. Marc Herold entnommen, ein US-amerikanischer Wissenschaftler und wackerer Antikriegsaktivist, der sich seit Kriegsbeginn bemüht, alle gemeldeten Ziviltoten zu erfassen. Seine Herangehensweise entspricht ungefähr dem des Iraqi Body Count (IBC), seine Möglichkeiten als Einzelkämpfer sind jedoch viel begrenzter. Wie das IBC kann auch Herold naturgemäß nur einen Bruchteil der tatsächlichen Toten erfassen. Im Irak ist die wahrscheinliche Zahl der Toten um das 10-12 fache höher, als die von IBC erfaßten. Bei Herold ist die Diskrepanz vermutlich noch höher. Dennoch hat er doppel soviel Tote ermittelt wie UNAMA und dreimal soviel wie ein Report von Human Rights Watch.

Während er für die Zeit vom Beginn des Krieges am 7.10. 2001 bis zum März 2003 ca. 3.600 Ziviltote zählt, kam Jonathan Steele vom britischen Guardian nach Umfragen bei den Hilfsorganisationen vor Ort bereits für die Zeit bis Mai 2002 auf 20.000 bis 50.000 getötete afghanische Zivilisten. (Forgotten victims, The Guardian, 20.5.2002)

Das Problem all dieser Statistiken ist jedoch nicht nur, dass in den Medien nur ein Bruchteil aller Toten gemeldet wird. Fast gravierender noch ist der methodische Fehler durch den Anspruch, nur zivile Tote erfassen zu wollen. Zum einen sollen prinzipiell alle Menschen als Opfer gezählt werden, die ohne den US-Überfall und die folgende Besatzung noch leben könnten, unabhängig davon, ob sie sich bewaffnet gegen die Besatzung wehrten oder von den Besatzern als Hilfstruppen für den Kampf gegen ihre Landsleute dingen ließen.
Vor allem steht man aber vor dem Problem, wie man unbeteiligte Zivilisten von Kombattanten unterscheiden will. Agenturmeldungen übernehmen meist die Version der Besatzer. Zivil sind dann die Toten nur, wenn die Angreifer Taliban oder andere Widerstandsgruppen waren, sonst sind es „Aufständische“, „Terroristen“ oder „Taliban“.

Das jüngste, von der Bundeswehr zu verantwortende Massaker bei Kundus ist ein gutes Beispiel dafür. Massaker dieser Art finden ja fast wöchentlich statt, allerdings meist in abgelegenen Winkeln. Dass dieses nun kritischer untersucht wird, liegt zum einen daran, dass es noch eine Spur verheerender und in unmittelbarer Nähe von Kundus war. Zum anderen verdanken wir es den Rivalitäten innerhalb der NATO. Nur so kann es passieren, dass ein US-Kommandeur, der z.B. kein Problem damit hat, eine Beerdigungsfeier bombardieren zu lassen, weil unter den 1000 TeilnehmerInnen auch Talibankämpfer vermutet werden, nun dem verantwortlichen Bundeswehroberst leichtfertige und feige Anordnung von Luftangriffen vorwirft.

Bei einem Angriff von US-Truppen im Mai 2009 schwankten z.B. die Angaben über die Zahl der getöteten Zivilisten zwischen 26 (US Army, BerlZ) und 150 (Tagesschau, Telepolis, jW, Straits Times). Welche Zahl davon wird in die diversen Statistiken übernommen? Vermutlich gar keine. Aufgrund des Anspruchs nur gesicherte Informationen zu übernehmen, werden z.B. beim Iraqi Body Count alle Fälle, wo die Frage, ob und wie viele der Getöteten Zivilisten waren, strittig bleibt, einfach weggelassen.

Viel häufiger geben die Agenturen ohnehin nur Meldungen der Besatzer weiter, bei Militäroperationen seien zehn, zwanzig, hundert oder mehr „Talibankämpfer“ getötet worden, ohne dass sich die Redakteure fragen, wie man bei Luftangriffen aus meist erheblicher Distanz denn so genau wissen kann, wen und wieviel man umgebracht hat.
Unberücksichtigt blieben generell die Toten der Angriffe auf pakistanischem Gebiet und nicht berücksichtigt werden natürlich auch all die afghanischen Kinder, Frauen und Männer, die nicht direkt bei Kampfhandlungen getötet werden, sondern später ihren Verletzungen erliegen, wegen Kriegshandlungen nicht medizinisch versorgt werden können oder auf Grund sonstiger Folgen der Besatzung starben.

Letztlich kann man die Zahl derer, die in irgendeiner Weise an den Folgen von Krieg und Besatzung starben, nur durch repräsentativen Umfragen vor Ort und einen Mortalitätsvergleich ermitteln, wie es die Autoren der Lancet-Studien im Irak taten.

Auch wenn Afghanistan und Irak schlecht vergleichbar sind, da die Lebensbedingungen in Afghanistan vor der Invasion viel schlechter waren als im Irak und dort 2006–2007 die Explosion bürgerkriegsartiger Gewalt hinzukam, kann die Diskrepanz der im Irak vom IBC registrierten Opfer und der von den Mortalitätsstudien ermittelten Zahlen eine Idee geben, wie hoch die Zahl der Opfer in Afghanistan wohl wirklich ist.
Die Zahl der von IBC registrierten Ziviltoten liegt aktuell bei 100.000, die US-amerikanische Organisation Just Foreign Policy, die eine realistische Schätzung für die aktuelle Zahl erhält, indem sie das Ergebnis der Lancet-Studie im selben Maß mit der Zeit ansteigen läßt, wie die vom IBC ermittelte Zahl wächst, kommen auf über 1,3 Millionen.
Geht man von Herolds Zahlen aus, so käme man für Afghanistan auf ca. 100.000. Da dessen Zahlenbasis lückenhafter ist, als die des IBC der z.T. auf die Daten von Leichenschauhäusern und Krankenhäuser zurückgreifen kann, und da zudem die in Pakistan Getöteten fehlen, ist die Gesamtzahl der Opfer sicherlich noch um einiges höher.

Die Bundesregierung gibt sich in der Frage der Opfer des von ihr mitzuverantwortenden Krieges hilflos: „Es sei nicht möglich, Zahlen zu nennen" obwohl sie „natürlich ‚großes Interesse‘ an solchen Zahlen“ hätte, heißt es in einem Bericht von Das Parlament. Doch leider gäbe es keine Statistik, die "belastbar wäre". „Diese Zahlen zu verwenden, wäre falsch“, so ein Regierungsvertreter, der zudem darauf hinwies, dass es in Afghanistan üblich sei, Tote noch am selben Tag zu begraben und „aufständische Kämpfer“ keine Uniform trügen und so schwer als solche zu identifizieren seien.
Geradezu blind agiert demnach die Bundeswehr: sie erhalte Berichte über zivile Opfer nur aus dritter Hand.

Das läßt nur den einen Schluß zu, dass es Regierung und Armee schlicht nicht interessiert, wie viele Afghanen im NATO-Krieg sterben – zumindest solange, wie sie keine unangenehmen Nachrichten provozieren.

Auch daran sieht man - wie bei dem einseitigen Gedenken an „NineEleven“ - wie wenig im Westen ein Menschenleben in Afghanistan zählt.

Für die USA kann es Marc Herold beziffern: Der US-Regierung ist ein Afghane exakt ein Zehntel eines Seeotters in Alaska wert. Zumindest ist dies das Verhältnis zwischen der Summe, die afghanische Familien als Entschädigung für getötete Angehörige erhalten (falls sich die US Army dafür verantwortlich sieht) und den, 80.000 US-Dollar die Washington für die Rettung der Otter nach der Havarie der Exxon Valdez in Alaska pro Nase ausgab.
In seiner Studie The Matrix of Death: (Im)Precision of U.S Bombing and the (Under)Valuation of an Afghan Life analysiert Herold diese westliche, rassistische Geringschätzung ausführlich und dokumentiert sehr detailliert deren Auswirkung auf die Kriegsführung der USA in Afghanistan.

Die Bombardierung der Tanklastzüge in der Sandbank bei Kundus ist der beste Beweis, dass dies keine Spezialität der „Amis“ ist.

Nachtrag:
Die Bundesregierung hat nun den betroffenen Familien für jeden dabei geöteten Zivilisten eine Entschädigung von 2000 Euro zugesagt. D.h. in der BRD hat ein Afghane noch viel weniger Wert als in den USA.

Nachtrag II:
Die Geschichte mit der Entschädigung von 2000 Euro ist etwas undurchsichtig. Späteren Meldungen zufolge soll die Kabuler Regierung 2000 Dollar bezahlt haben. Der Bremer Anwalt Karim Popal der die Angehörigen der Opfer des Luftangriffes vertritt, bezweifelt das. Vermutlich hat die Bundesregierung tatsächlich über Kabul, bzw. den örtlichen, dem Präsident Karsai nahestehenden, Bürgermeister den Familien ein entsprechendens Angebot gemacht, das aber nicht angenommen wurde. (s. Hintergrund 2.10.2009 u. Weser Kurier 20.11.2009 -

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