Berlins Griechenland-Diktat: Ein Imperium schlägt zurück

Zwei Leserbriefe zur Griechenland-Berichterstattung u.a. an die Rhein-Neckar-Zeitung:
 
"Ein Imperium schlägt zurück"
Abkommen mit Griechenland: kein „Kompromiss“ sondern Erpressung

Leserbrief vom 14.7.2015

Sie schreiben „fairer Kompromiss“, tatsächlich handelt es sich um die erzwungene Unterwerfung Griechenlands. Nachdem man das Land zahlungsunfähig werden ließ, hat man es solange weiter stranguliert, bis der Regierungschef schließlich kapitulierte ‒ „fiskalisches Waterboarding“ so der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman.
Gegen jegliche wirtschaftliche Vernunft wird den Griechen ein Abkommen aufgezwungen, das rein ideologische und machtpolitische Ziele verfolgt. Berlin und seine Verbündeten in der EU sind offensichtlich entschlossen, die dramatische Notlage zu nutzen, um dem Land ein völlig neoliberales Wirtschaftssystem aufzuoktroyieren, Sozialleistungen weiter abzubauen, Arbeiterrechte zu schleifen und den Ausverkauf des nationalen Vermögens zu Schleuderpreisen zu forcieren. Man raubt ihm wichtige Souveränitätsrechte und will nicht zuletzt auch dessen unbotmäßige linke Regierung stürzen ‒ die erste griechische Regierung, von der echte Reformen zu erwarten waren, da sie nicht in den bisherigen Sumpf von Filz und Korruption einheimischer Potentaten und ausländischer Unternehmen verstrickt ist.

Die weltweite Empörung ist gerechtfertigt: Die bewunderte europäische Einheit erwies sich als Fassade, der halbkoloniale Status der den Griechen aufgezwungen wird, ist ein Rückfall ins vorvergangene Jahrhundert. Wir dürfen uns nicht beschweren wenn Vielen in der Welt Deutschland wieder als rücksichtslose imperialistische Mach erscheint. „Ein Imperium schlägt zurück“ überschrieb der konservative US-amerikanische Nachrichtendienst treffend seine Analyse der Verhandlungsergebnisse. Um die für einheimische Wirtschaft so profitable Situation nicht durch gefährliche Präzedenzfälle zu gefährden, hätte Berlin keineswegs dulden dürfen, dass ein Land via Referendum, d.h. durch Demonstration des Volkswillen, seine Souveränität gegen die deutsche Dominanz zu verteidigen suche. Viele Europäer dürften mittlerweile bedauern, dass dem Land, das für den 2. Weltkrieg verantwortlich ist, 1953 durch den größten Schuldenerlass aller Zeiten der Weg zur erneuten wirtschaftlichen Macht geebnet wurde.


Griechenland: Scheinheilige Empörung
EU, IWF und Berlin sind für das Scheitern der Verhandlungen verantwortlich

Leserbrief vom 2.7.2015

Die Stimmungsmache gegen Griechenland erreichte in dieser Woche neue Höhen. Dabei sind es die Regierungen der EU-Staaten und vor allem die deutsche, die für die Situation verantwortlich sind. Obwohl der bisherige brutale Austeritätskurs bekanntermaßen bereits zu massiver Armut und wirtschaftlicher Talfahrt geführt hat und seine Fortsetzung nach Ansicht aller unabhängiger Ökonomen das Land immer weiter in den Abgrund treiben wird, halten sie stur an ihm fest. Sie sind in den monatelangen Verhandlungen der Tsipras-Regierung keinen Meter entgegengekommen, obwohl diese schließlich erhebliche Zugeständnisse gemacht und bereits zentrale Wahlversprechen über Bord geworfen hatte.

Es ist eine Frechheit, wenn nun EU-Politiker wie Martin Schulz und sein Parteichef Sigmar Gabriel tönen, sie hätten den Griechen im letzten Angebot weitreichende Zugeständnisse gemacht. Wer die Versionen der Forderungen, die ja öffentlich zugänglich sind, vergleicht, wird keine signifikanten Unterschiede erkennen. Nirgendwo ist z.B. die Rede von möglicher „Umschuldung“ oder „Abfedern sozialer Härten“. Die Mehrwertsteuererhöhungen sind – entgegen der Behauptungen von Schulz weiter zentrale Forderungen, ebenso wie drastische Rentenkürzungen.

Die Empörung über das Referendum zeigt einmal mehr, was man in der EU von Demokratie hält. Die Tsipras-Regierung, die gewählt wurde, um das verheerende Spardiktat zu beenden, konnte ‒ als keine Aussicht mehr dafür bestand ‒ gar nicht anders als die Bevölkerung zu fragen, ob sie nun mehrheitlich für ein „Ende mit Schrecken oder ein Schrecken ohne Ende“ votiert, wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman die Alternativen bezeichnet. Krugman zählt zu den zahlreichen Experten, die persönlich gegen das EU-Ultimatum stimmen würde.

Wer sehenden Auges und gegen Demokratie und ökonomische Vernunft Millionen Menschen weiter ins Unglück treiben will, dem geht es offensichtlich nicht um eine Lösung der Krise, sondern um Unterwerfung und den Sturz einer Links-Regierung ‒ auch als abschreckendes Beispiel für die Menschen der übrigen Krisenländer. Vor allem Berlin will die Griechen nicht mehr vom Haken lassen. Wer den eigenen Wohlstand auf Exportüberschüsse gründet, der benötigt Länder, die nicht nur bereit sind, die Defizite zu übernehmen sondern sich auch in das sich daraus ergebende Schicksal zu ergeben.

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