Vernichtende Bilanz: Zahl der Opfer der Kriege des Westens werden systematisch heruntergespielt

Das folgende ist die ungekürzte und mit Quellenangaben versehene Version meines Artikels in der jungen Welt vom 05.07.2014.
Er ist der erste von zwei Beiträgen über die Opfer der Kriege des Westens die nacheinander auf den Thema-Seiten erschienen.
Der zweite ist von Lühr Henken: Vergessene Tote - Teil II (und Schluß): Der Body Count in Afghanistan und Pakistan, junge Welt, 07.07.2014

Update: Die beiden Artikeln sind die Zusammenfassung der ausführlichen, von der IPPNW herausgegebenen Studie "Body Count – Opferzahlen nach zehn Jahren Krieg gegen den Terror", die mittlerweile in einer überarbeiteten und erweiterten Ausgabe vorliegt.

Vernichtende Bilanz:
Analyse. Die Zahl der Opfer, die die Kriege des Westens fordern, liegt deutlich höher, als üblicherweise behauptet.
Teil I: Der Body Count im Irak
Von Joachim Guilliard
junge Welt, 05.07.2014 / Thema / Seite 10
Ich glaube, die öffentliche Wahrnehmung, die von getöteten Zivilisten ausgelöst wird, ist das Gefährlichste, dem wir in Afghanistan gegenüberstehen.US-General Stanley A. McCrystal bei seiner Antrittsrede als ISAF Kommandeur im Juni 2009 [1]
Wie man den Äußerungen führender Politiker, beispielsweise während der diesjährigen Münchner „Sicherheitskonferenz“, entnehmen kann, ist die regierende große Koalition fest entschlossen, die Bundeswehr zukünftig häufiger in den Krieg zu schicken. [[Ein Klüngel aus Außen- und Sicherheitsexperten gibt in Strategiepapieren die Orientierung vor und trommelt dafür mit Hilfe eingebetteter Redakteure und Leitartikler in den Medien.]] Ein wichtiges Mittel gegen die intensiven Bemühungen, mehr Zustimmung in der Bevölkerung für die militärische Durchsetzung außenpolitischer Interessen zu gewinnen, ist es, die verheerenden Folgen der letzten Kriege des Westens einer breiten Öffentlichkeit vor Augen zu führen.

Bisher wurde ihr das Ausmaß der gesellschaftlichen Katastrophen, die sie verursachten, kaum bewusst. Dies ist durchaus so gewollt. Zwar werden militärische Angriffe und Besatzungen stets mit »humanitären« Zielen, wie dem Schutz von Bevölkerungsgruppen oder der Herstellung von Sicherheit und Ordnung, gerechtfertigt, Untersuchungen über ihre Auswirkungen erfolgen aber in der Regel nie. Im Gegenteil: die Regierungen und die führende Medien des Westens tun alles, um die wahren Folgen zu verschleiern oder zu verharmlosen.
 
Wie man den Äußerungen führender Politiker, beispielsweise während der diesjährigen Münchner „Sicherheitskonferenz“, entnehmen kann, ist die regierende große Koalition fest entschlossen, die Bundeswehr zukünftig häufiger in den Krieg zu schicken. Ein wichtiges Mittel gegen die intensiven Bemühungen, mehr Zustimmung in der Bevölkerung für die militärische Durchsetzung außenpolitischer Interessen zu gewinnen, ist es, die verheerenden Folgen der letzten Kriege des Westens einer breiten Öffentlichkeit vor Augen zu führen.

Bisher wurde ihr das Ausmaß der gesellschaftlichen Katastrophen, die sie verursachten, kaum bewusst. Dies ist durchaus so gewollt. Zwar werden militärische Angriffe und Besatzungen stets mit »humanitären« Zielen, wie dem Schutz von Bevölkerungsgruppen oder der Herstellung von Sicherheit und Ordnung, gerechtfertigt, Untersuchungen über ihre Auswirkungen erfolgen aber in der Regel nie. Im Gegenteil: die Regierungen und die führende Medien des Westens tun alles, um die wahren Folgen zu verschleiern oder zu verharmlosen.

Verantwortungslosigkeit der „Beschützer“

Wenn Bundespräsident Joachim Gauck, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Wehrministerin Ursula von der Leyen die angebliche bisherige deutsche Zurückhaltung“ bei westlichen Interventionen beklagen, so können sie damit nur das Nein zum Libyen-Krieg meinen, dessen Beginn sich im März zum dritten Mal jährte. Die angreifenden NATO-Mächte hatten damals monatelang Angriff für Angriff stets aufs neue behauptet, ihre Bombenkampagne gegen das ölreiche Land diene allein dem »Schutze der Zivilbevölkerung«. Wenn das stimmen soll, dann wäre die Bilanz vernichtend, denn Tausende Libyer und Libyerinnen haben diesen »Schutz« nicht überlebt. Fundierte Zahlen gibt es jedoch bis heute nicht. Die Schätzungen schwanken von 10.000 bis 50.000 Kriegstoten. Angesichts von 9.700 Angriffsflügen, rund 30.000 abgeworfener Bomben und einem halben Jahr heftiger Bodenkämpfe dürfte die tatsächliche Zahl der Opfer aber wesentlich höher sein. Obwohl der Krieg vom UN-Sicherheitsrat legitimiert und im Westen als Anwendung des neuen Konzepts der „Schutzverantwortung“ (Responsibility to Protect) gewertet wurde, unterließen es die Vereinten Nationen, den Erfolg zu prüfen und die Zahl der dabei Getöteten sowie die sonstigen Auswirkungen auf die libysche Bevölkerung genauer zu untersuchen.

Auch im gleichfalls unter UN-Mandat laufenden Afghanistan-Krieg wurden bisher keine ernsthaften Untersuchungen über die Zahl der Opfer durchgeführt. Summiert man die Angaben der UN-Mission in Afghanistan UNAMA, so liegt die Zahl der toten Zivilisten für die bisherigen zwölf Jahre Krieg unter 20.000 – weit weniger als beispielsweise pro Kopf und Jahr in US-Großstädten wie Detroit oder Baltimore Gewalttaten zum Opfer fallen.

Stark umstritten ‒ die Zahl der Opfer im Irak

Der Krieg gegen den Irak, der 2003 begann war von Anfang an stark umstritten und stand daher länger im Fokus der Öffentlichkeit. Eine ganze Reihe von Initiativen bemühte sich, die Zahl seiner Opfer zu erfassen. Repräsentative Umfragen, die Wissenschaftler auf eigene Initiative im besetzten Land durchführten, ergaben schon Mitte 2006, dass wahrscheinlich bereits über 600.000 Iraker direkt oder indirekt durch den Krieg getötet worden. Die Reaktion auf diese Studie zeigt exemplarisch, welch starkem Widerstand sich alle Versuche, die Öffentlichkeit über die tatsächlichen Kriegsfolgen aufzuklären, ausgesetzt sehen.

Die Datenerhebungen über die Entwicklung der Sterblichkeit im Irak waren nach denselben Methoden und zum Teil von den gleichen Wissenschaftlern durchgeführt worden wie z.B. bei Studien in der südsudanesischen Provinz Darfur oder im Kongo. Während deren Ergebnisse unangefochten als Basis von UN-Resolutionen dienten, wurden die Forschungsergebnisse zum Irak sofort heftig von allen Seiten attackiert – mit durchschlagendem Erfolg: In den westlichen Medien wurden die Studien sofort als »umstritten« abgetan und in der Folge totgeschwiegen. In den Bilanzen zum 10. Jahrestag des Krieges wurde die Zahl der Kriegstoten in den meisten Medien mit rund 100.000 beziffert, ohne die höheren Schätzungen überhaupt zu erwähnen. Laut Umfragen geht die Mehrheit der US-Amerikaner und Briten sogar davon aus, dass der Krieg ihrer Staaten höchstens 10.000 Menschleben gekostet habe.

Die Auseinandersetzungen über die Zahl der Opfer im Irak sind aus zwei Gründen wichtig. Zum einen ist es keine Nebensächlichkeit, ob 100.000 oder eine Million Iraker in Folge des Krieges getötet wurden und ob sich die internationale Öffentlichkeit des Ausmaßes des Verbrechens dort genauso bewusst wird, wie des Völkermordes an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs oder der Toten von Ruanda. [Während die Regierung Frankreichs z.B. plante, das Leugnen des Völkermords an den Armeniern und anderer gesetzlich anerkannter Völkermorde unter Strafe zu stellen, werden die Opfer des westlichen Vorgehens gegen den Irak, das inklusive Embargo vermutlich über zwei Millionen Menschen tötete, totgeschwiegen.]

Zum anderen ermöglichen Vergleiche der verschiedenen Methoden zur Ermittlung von Opferzahlen sowie die Erfahrungen über die diesbezüglichen politischen Auseinandersetzungen eine bessere Einschätzung der Angaben in anderen Kriegen und Konflikten.

Verschiedene Zählweisen

Die meist von den Medien angegebenen Zahlen basieren auf der Arbeit des britischen „Iraq Body Count“ (IBC). Dieses Projekt versucht, die zivilen Opfer im Irak zu erfassen, indem es alle Fälle, die in renommierten englischsprachigen Medien gemeldet oder in Kranken- und Leichenhäusern registriert wurden, in einer Datenbank sammelt. Bis 2013 wurden so rund 110.000 zivile Opfer ermittelt.

Die in sich konsistenten Ergebnisse der statischen Erhebungen [der Bloomberg School of Public Health an] der Johns Hopkins University in Baltimore, die 2004 und 2006 in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht wurden, sowie die des britischen Meinungsforschungsinstituts „Opinion Research Business“ (ORB) von 2007 legen hingegen nahe, dass über eine Million Iraker dem Krieg, der Besatzung und dem dadurch entfesselten Wüten von Milizen zum Opfer gefallen waren – die meisten von ihnen ab Mitte 2005, Tendenz von 2003 bis 2007 stark steigend. [Die US-amerikanische NGO Just Foreign Policy schreibt die Opferzahlen in ihrem „Iraqi Death Estimator“ mit dem Trend der IBC-Zahlen fort, indem sie den von der Lancet-Studie für die Zeit bis Juni 2006 errechneten Schätzwert mit dem seitherigen Anstieg der Zahl des IBC multipliziert. Nach dieser groben Interpolation stieg die Zahl der Opfer bereits auf über 1,5 Millionen. [2] 

Als sorgfältigste dieser Studien gilt die Lancet-Studie von 2006, in deren Rahmen an 50 zufällig gewählten Orten 1850 Haushalte mit knapp 13.000 Mitgliedern befragt wurden. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung ergab sie, dass von Kriegsbeginn bis Juni 2006 etwa 655.000 Iraker mehr gestorben sind, als aufgrund der ermittelten Vorkriegssterblichkeit zu erwarten gewesen wären. Da keine andere Ursache für diesen gewaltigen Anstieg in Frage kommt, können diese zusätzlichen Todesfälle nur eine Folge des Krieges sein.

Obwohl renommierte Fachleute auf diesem Gebiet, einschließlich des leitenden wissenschaftlichen Beraters des britischen Verteidigungsministeriums, den Autoren der Studie bescheinigten, nach gängigen wissenschaftlichen Standards verfahren zu sein, wurden ihre Ergebnisse von den meisten Medien sofort als völlig überzogen abgelehnt.
[Bis dahin waren schon die Zahlen des IBC meist als stark übertrieben gewertet worden. Nun galten sie plötzlich als allein glaubwürdig. Ihre Höhe war offenbar noch tolerabel und mit dem Bild einer überbordenden religiös motivierten Gewalt auch noch gut zu erklären. 655.000 Tote allein in den ersten drei Kriegsjahren deuten hingegen eindeutig auf ein Menschheitsverbrechen in der Dimension eines Völkermords hin und waren schon aus diesem Grund für die Mehrheit der westlichen Journalisten, Publizisten und Wissenschaftler nicht diskutabel.]

Obwohl Hochrechnungen in Politik und Wissenschaft alltäglich verwendet und breit akzeptiert werden, wurden sie im Fall der Irakstudien als reine Spekulation verworfen. [Man könne doch nicht von 300 Toten unter 12.000 Irakern auf die Gesamtzahl der Opfer von Gewalt in einer Gesamtbevölkerung von 26 Millionen schließen, indem man jeden gefundenen Toten mit gut 2000 malnehme, so versuchten auch die Betreiber des IBCs Zweifel an repräsentativen Statistiken generell zu schüren. Sie ignorierten dabei, dass genau dies jeden Tag bei unzähligen repräsentativen Umfragen gemacht und breit akzeptiert wird, trotz meist wesentlich kleinerer Stichproben.]

Allein die große Diskrepanz zu der vom IBC registrierten Zahl der Toten – im Zeitraum der Studie 43.000 ‒  galt vielen als Beleg für die Unglaubwürdigkeit der Lancet-Studien. Doch sind die Zahlen gar nicht ohne weiteres vergleichbar, da ein unterschiedlicher Umfang von Opfern gezählt wird. Indem sie die Sterblichkeit vor und nach Kriegsbeginn vergleichen, versuchen Mortalitätsstudien die Gesamtzahl aller Menschen zu erfassen, die infolge eines Krieges starben. Initiativen wie IBC hingegen zählen als Kriegsopfer nur Zivilisten, die direkt durch kriegsbedingte Gewalt getötet wurden. Damit fallen nicht nur Kombattanten aus der Statistik, sondern auch alle, die an indirekten Kriegsfolgen wie mangelnder Gesundheitsversorgung, Hunger oder verseuchtem Trinkwasser starben. Die Zahl dieser Opfer liegt jedoch in den meisten Kriegen höher als die jener, die direkt getötet werden. Ohne genaue Untersuchungen vor Ort, lässt sich zudem weder zuverlässig feststellen, ob ein Toter Zivilist oder Kämpfer war, noch die genaue Todesursache. So wurden z.B. von US-Truppen getöteten Einheimische in den Pressemitteilungen der Besatzer, auf die sich wiederum die Meldungen westlicher Medien meist stützten, fast durchgängig zu feindlichen Kombattanten.

Realistische Schätzungen

Die Hochrechnung von knapp 2000 Familien aus 50 übers Land verteilten Orten auf die Gesamtbevölkerung ist selbstverständlich mit einer erheblichen Unsicherheit behaftet. [Dieser wird in den Studien durch die Angabe sogenannter „95% -Konfidenzintervalle“ Rechnung getragen, die angeben, in welchem Bereich der tatsächliche Wert mit einer Wahrscheinlichkeit von 95% liegt. In der Lancet-Studie von 2006 reicht das Intervall von 390.000 und 940.000, wobei eine Zahl nahe 655.000 am wahrscheinlichsten ist.]

Die durch passive Beobachtung, d.h. durch bloße Registrierung gemeldeter Todesfälle gewonnenen Zahlen sind dennoch keineswegs solider. Wie Erfahrungen aus anderen Konflikten zeigen, kann in Kriegszeiten generell nur ein kleiner Teil der tatsächlichen Opfer erfasst werden. Dies kann mittels Stichproben in der über Internet zugänglichen Datenbank des IBCs auch für den Irak gezeigt werden.

Recht gut dokumentiert ist z.B. das Schicksal irakischer Ärzte. Von 34.000 registrierten Ärzten wurden nach Angaben der unabhängigen Iraq Medical Association fast 2.000 getötet, 20.000 hatten das Land 2006 bereits verlassen.[3] Der Iraq Body Count führt in seiner Datenbank jedoch nur 70 getötete Ärzte auf.[4] Auch wenn dies teilweise an fehlenden Berufsangaben liegen kann, deutet dies bereits auf sehr großen Lücken hin.

Wie der Sprecher der von US-Verbündeten geführten Provinzregierung von Nadschaf, Ahmed Di’aibil, dem Nachrichtenportal Middle East Online 2007 mitteilte, wurden allein in dieser Stadt mit knapp 600.000 Einwohnern von 2003 bis 2007 40.000 nicht identifizierte Leichen begraben.[5] In der IBC-Datenbank sind nur 1354 Opfer aus Nadschaf zu finden.

Selbst wochenlange Offensiven der US-Armee, mit massiven Luft- und Artillerieangriffen auf ganze Stadtviertel, hinterließen in der IBC-Datenbank oft nicht die geringste Spur. Häufig fand sich auch in den Fällen kein Eintrag, wo glaubwürdige Berichte einheimischer Zeugen über Dutzende Tote vorliegen.

Ein Abgleich der Todesfälle, die in den von WikiLeaks veröffentlichen Kriegstagebüchern der US-Armee aufgeführt sind, mit den Einträgen der IBC-Datenbank weist auf riesige Lücken bei beiden hin.[6] Nicht einmal jeder vierte Eintrag in den Tagebüchern konnte auch bei IBC gefunden werden, wobei die Wahrscheinlichkeit der Übereinstimmung stark von Art und Schwere der Ereignisse abhängt. Verheerende Terroranschläge mit mehr als 20 Toten fanden sich zu 94 Prozent in beiden Listen. Das ist nicht überraschend, da über Bombenanschläge auf Menschenmengen breit berichtet wurde. Bei Fällen mit einem Toten gab es nur in 17 Prozent eine mögliche Entsprechung.

Aus der Tatsache, dass IBC weniger als ein Viertel der Fälle einer Vergleichsliste erfasst hat, kann man schließen, dass die tatsächliche Zahl der Opfer mindestens viermal so groß sein muss. Letztlich ist der Faktor sogar noch wesentlich höher, da beide Listen zum Teil dieselben Quellen nutzten und auf der anderen Seite die Opfer vieler Ereignisse in beiden fehlen. So haben z.B. die 27.000 Bomben, die 2003 während der Invasion auf irakische Städte abgeworfen wurden, in der IBC-Datenbank so gut wie keine Einträge produziert[7] und enthalten die Kriegstagebücher kaum Angaben über die Opfer von Luftangriffen der US Air Force.

Wenn man sich das ungeheure Ausmaß der Gewalt in den Jahren 2005 bis 2008 vor Augen führt, wird die auf Basis statistischer Erhebungen geschätzte Zahl von einer Million Toten leider durchaus plausibel. Jeden Tag, so der renommierte US-amerikanische Nahostexperte Juan Cole zur Lancet-Studie von 2006, fanden schwere Kämpfe zwischen Guerilla, Stadtbewohnern und Stämmen auf der einen und US-Marines und irakischen Sicherheitskräften auf der anderen Seite statt, über deren Opfer kaum berichtet wurde. Es gibt etwa 90 Großstädte im Irak. Auch wenn es in den südlicheren meist ruhiger zuging als in Bagdad, so herrschte in vielen anderen ein durchaus vergleichbares Gewaltniveau wie in der Hauptstadt, wo die Leichenhäuser 2006 im Schnitt 100 Ermordete pro Tag registrierten. Für Basra, knapp halb so groß wie Bagdad, müsse man, so Cole, sicherlich mit 40 Toten pro Tag rechnen. Rechne man in allen anderen Städten nur mit täglich vier Ermordeten, so ergäbe dies mit Bagdad bereits 460 Tote pro Tag – die Hälfte der von der Lancet-Studie für 2006 geschätzten Zahl. Ein Großteil der Toten wurde jedoch in kein Kranken- oder Leichenhaus gebracht, sondern – der islamischen Tradition gemäß – innerhalb eines Tages unmittelbar vor Ort begraben.

Insgesamt wird die Zahl der Opfer in den Erhebungen eher unter- als überschätzt. Das liegt auch daran, daß die hohe Zahl von Verschleppten und Verschwundenen nicht berücksichtigt werden kann. Gemäß der Internationalen Kommission für vermisste Personen (ICMP) gelten im Irak zwischen 250.000 und einer Million Menschen als Folge von über 30 Jahren Kriege und Konflikte als vermisst, die meisten von ihnen seit 2003. [8] In einer dem UN-Menschenrechtsrat von zwanzig internationalen Menschenrechtsorganisationen vorgelegten Erklärung vom Februar 2013 wird allein die Zahl der Vermissten unter den Flüchtlingsfamilien seit 2003 auf 260.000 geschätzt, die meisten von ihnen Opfer gewaltsamer Verschleppung. Insgesamt rechnen die Organisationen mit einer halben Million seit der US-geführten Invasion.[9] Viele dieser Verschleppten und Verschwundenen sind vermutlich bereits tot, erscheinen aber in keiner Statistik.

Angaben zu den Tätern

Westliche Medienberichte konzentrierten sich sehr stark auf terroristische Gewalttaten, wie Autobombenanschläge auf zivile Einrichtungen, Selbstmordanschläge auf Märkte oder auf Pilgerströme etc. Diese erregten nicht nur sehr viel mehr Aufmerksamkeit und ereigneten sich in leicht zugänglichen Gebieten, sie passten auch gut in das Bild, das die führenden Kreise im Westen vom Krieg zeichnen wollten. Berichte über die heftigen militärischen Auseinandersetzungen in den Hochburgen des Widerstands, über großangelegte Razzien wie auch zahlreiche tödliche Ereignisse an Checkpoints waren hingegen äußerst selten. Die Opfer von Bombenanschlägen und Selbstmordattentaten in Menschenmengen, Rekrutierungsbüros, Polizeistationen usw. sind daher sehr oft in der IBC-Datenbank aufgeführt, die von Luftangriffen aufgrund der mangelnden Berichterstattung von den heißen Kriegsschauplätzen nicht. Während laut Angaben der für die Lancet-Studie befragten Familien 30 Prozent der ermordeten Angehörigen von Besatzungstruppen getötet wurden – mehr als 13 Prozent durch Luftangriffe, wurden nur zehn Prozent der vom IBC erfassten Toten Opfer der Besatzungstruppen, davon sieben Prozent von Luftangriffen.[10]

Wie stark unterrepräsentiert die Opfer der ausländischen Armeen im IBC vermutlich sind, zeigt ein Vergleich mit der Zunahme von Luftangriffen. Um eigene Verluste zu minimieren, setzten die Besatzungstruppen ab 2005 in immer stärkerem Maße die Luftwaffe ein. Laut US-Militärangaben stieg die Zahl der Luftangriffe im Jahre 2005 um das Fünffache. 2006 gab es bereits mehr als 10.500 Einsätze von Kampfflugzeugen zur „Luftunterstützung“, fast 30 pro Tag. 2007 vervierfachte schließlich die US Air Force die Zahl der Luftwaffeneinsätze gegenüber 2006 noch einmal und warf zehnmal so viele Bomben ab. Die IBC-Datenbank verzeichnet jedoch keine Zunahme von Luftangriffsopfern.

PLOS-Studie

Im Oktober 2013 wurden im Fachjournal PLOS Medicine die Ergebnisse einer neuen Mortalitätsstudie veröffentlicht. US-amerikanische und kanadische Wissenschaftler hatten zusammen mit Wissenschaftlern des irakischen Gesundheitsministeriums von Mai bis Juli 2011 eine neue repräsentative Umfrage zur Entwicklung der Sterblichkeit durchgeführt. Da die bisherigen Studien so stark umstritten sind, wollten sie mit ihr deren Hochrechnungen verbessern und aktualisieren.

Insgesamt „schätzen wir, dass der Krieg etwa eine halbe Million Menschen das Leben gekostet hat, teilte die Leiterin der Studie, die Gesundheitsexpertin Amy Hagopian von der Washington University in Seattle mit. „Und das ist eine niedrige Schätzung.“ [11]

Etwa 60 Prozent der Opfer wurden der Studie zufolge durch direkte Gewaltanwendung, wie Schüsse, Bomben- und Luftangriffe, getötet. Ein Drittel starb an indirekten Kriegsfolgen wie stressbedingten Herzinfarkten, dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems, der Trinkwasserver- und der Abwasserentsorgung oder mangelnder Ernährung.

Die Wissenschaftler, darunter auch der Leiter der Lancet-Studie, setzten verfeinerte und konservativere statistische Methoden ein und bemühten sich durch Berücksichtigung von Einwänden gegen die Studie von 2006, Kritik an ihren Methoden von Anfang an den Boden zu entziehen. Sie erhielten dadurch eine schwer angreifbare, dafür aber auch relativ niedrige Schätzung mit einem sehr breiten Konfidenzintervall.

Trotz der Diskrepanz zu den Schätzungen der früheren Studien, stützt sie diese mehr, als sie zu widerlegen. Zum einen liegt ihre Hochrechnung um ein Mehrfaches über der Zahl, die Medien üblicherweise vermelden. Entsprechend gering war deren Echo. [Nur wenigen war sie wenigstens eine Meldung wert.] Zum anderen halten die beteiligten Wissenschaftler selbst ihr Ergebnis für eine Unterschätzung. Ein Problem ist die lange Zeit, die seit den Hochzeiten des Krieges vergangen ist. Ein noch gravierenderes sind die mehr als drei Millionen Flüchtlinge, die in die Studie nicht adäquat einbezogen werden konnten – und damit gerade die Familien, die besonders stark vom Krieg betroffen waren. Auch Familien, die vollständig ausgelöscht oder sich nach dem Tod mehrerer Mitglieder aufgelöst haben, fielen aus der Statistik. Wären die Toten von zwanzig solcher Familien – das entspricht einem Prozent der befragten Familien – mit eingeflossen, so hätte das Ergebnis leicht um 50 Prozent höher ausfallen können. Das 95%-Konfidenzintervall reicht von 48.000 – 751.000, sein unterer Rand liegt damit sogar unter der Zahl des IBC. Auch dies ist ein Indiz für eine starke Unterschätzung der tatsächlichen Opferzahl.

Weitgehende Übereinstimmung gibt es in Bezug auf Täter und Waffen. Laut Lancet-Studie von 2006 wurden zwischen 2003 und 2006 mindestens 31,5 Prozent der Gewaltopfer von Besatzungstruppen getötet und 23 Prozent durch »andere«. In 45 Prozent der Fälle waren die Täter »unbekannt oder unsicher«. Die Autoren der PLOS-Studie nutzen eine feinere Unterteilung der Täter in »Koalitionstruppen«, »irakische Truppen«, »Milizen« und »Kriminelle«. Sie machen in 45,8 Prozent der Fälle die Besatzungstruppen und in 27 Prozent Milizen verantwortlich. Nur 16,7 Prozent der Täter sind hier »unbekannt«.

Betrachtet man den Zeitraum der Lancet-Studie, so überlappen sich die Konfidenzintervall durchaus in einem breiten Bereich. Während die Zahlen der PLOS-Studie zu niedrig erscheinen, dürften die der Lancet-Studie daher etwas zu hoch liegen. Eine Zahl von rund einer Million Opfern für die Zeit bis zum Abzug der US-Truppen im Dezember 2011 bleibt daher leider realistisch.

Für die Iraker ist der Krieg keineswegs vorüber – nach wie vor sterben viele aufgrund mangelnder Ernährung, vermeidbarer Krankheiten und wegen des miserablen Gesundheitssystems oder sie werden Opfer der Repression und der durch die Besatzung geschürten ethnisch und religiös motivierten Gewalt. Mittlerweile hat die Zahl der Gewaltopfer bereits das Niveau von 2008 erreicht.

Unabhängig von der Differenz der Ergebnisse bestätigt auch die neue Studie die Notwendigkeit statistischer Erhebungen. Auch wenn die Lancet-Studien möglicherweise zu hohe Schätzwerte errechneten, werden sie daher von Experten auf dem Gebiet nach wie vor verteidigt: Waren die Ergebnisse der Lancet Studie von 2006 auch eventuell zu hoch, so wandten sie Methoden an, die damals allgemein akzeptiert waren und „setzten so den anderen, viel zu niedrigen Studien etwas entgegen,“ meinte etwa Dr. Paul Spiegel, stellvertretender Leiter der Abteilung für Programmunterstützung und Management beim UN-Flüchtlingskommissariat am 15.10.2013 gegenüber Al Dschasira. »Die Öffentlichkeit wäre ohne sie vermutlich des Ausmaßes der Todesfälle, die sich in dieser Zeit ereigneten, nicht gewahr worden.“ [12]

Sie zeigen auch, so Frederick Burkle Jr und Richard Garfield, Professor für öffentliches Gesundheitswesen an der Columbia University, dass solche Datenerhebungen in Kriegszeiten möglich sind. Nur so können zudem auch Informationen über die Täter ermittelt werden.

Man kann selbstverständlich die Erkenntnisse aus dem Irak nicht eins zu eins auf den Krieg in Afghanistan übertragen. Sie legen jedoch nahe, dass auch hier die Gesamtzahl der Opfer ein Vielfaches über der Zahl der gemeldeten liegt und 200.000 übersteigen könnte – eine vernichtende Bilanz für eine NATO-Operation, deren Einsatzkräfte als »Internationale Sicherheits- und Unterstützungstruppe« firmieren.

Eine genauere Schätzung kann auch hier nur eine statistische Erhebung bringen. Friedens- und Menschenrechtsgruppen sollten daher verstärkt von der UNO und der eigenen Regierung die Durchführung solcher Untersuchungen fordern – in Afghanistan, in Libyen und an allen anderen Orten, wo die Bundeswehr und ihre Verbündeten im Einsatz sind. Mit größeren finanziellen Mitteln und mehr Personal ausgestattet, könnte die Zahl der befragten Haushalte stark erhöht und damit auch die Genauigkeit der Schätzung erheblich gesteigert werden.

Literatur

– »Body Count – Opferzahlen nach zehn Jahren Krieg gegen den Terror«, IPPNW, März 2013, als PDF-Dokument zu finden unter: www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Frieden/­Body_Count_Maerz2013.pdf

Update: Die Studie liegt mittlerweile in einer überarbeiteten und erweiterten Ausgabe vor.

Joachim Guilliard arbeitet im Heidelberger Forum gegen Militarismus und Krieg. Er betreibt den Blog »Nachgetragen«: jghd.twoday.net

[1] General War in Afghanistan is 'winnable', NBC News, 6.2.2009

[2] Just Foreign Policy, Iraqi Death Estimator (www.justforeignpolicy.org)

[3] Dahr Jamail and Ali Al-Fadhily, Medical System Becomes Sickening, Inter Press Service, 23.11.2006,  Hannah Gurman, The Iraq withdrawal: An Orwellian success, Salon.com, 15.8.2010

[4] Dirk Adriaensens, Iraq: The Age Of Darkness, BRussells Tribunal Newsletter, September 2011

[5] 40,000 unidentified corpses buried in Najaf since the beginning of the US-led invasion, Middle East Online, 9.9.2007

[6] Dustin Carpenter, Tova Fuller, Les Roberts, WikiLeaks and Iraq Body Count: the Sum of Parts May Not Add Up to the Whole - A Comparison of 3 Two Tallies of Iraqi Civilian Deaths. Prehosp Disaster Med2013, Online 6.2.2013. S.a. Les Roberts, Do WikiLeaks and Iraq Body Count tell the same story?, brussellstribunal.org, 5.3.2011

[7] Robert A. Pape, The True Worth of Air Power, Foreign Affairs, March/April 2004

[8] ICMP Länderprofile - Iraq, International Commission on Missing Persons (ICMP)

[9] Disappearances and missing persons in Iraq - 2003-2013, gemeinsame Erklärung von Menschenrechtsorganisationen, Human Rights Council, Twenty-second session, 11.2.2013, A/HRC/22/NGO/157, Dirk Adriaensens, Enforced Disappearance: The Missing Persons of Iraq. Global Research, 29.11.2010

[10] Casualties of suicide bombings in Iraq, 2003-2010, Iraq Body Count, 3.9.2011

[11] Half-Million Iraqis Died in the War, New Study Says, Household survey records deaths from all war-related causes, 2003 to 2011, National Geographic, 15.10.2013

[12] Iraq war claimed half a million lives, study finds, Al Jazeera, 15.10.2013

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