Wird Oberst Klein ein Fall für den Internationalen Strafgerichtshof?

Das Lokalblatt Rhein-Neckar-Zeitung berichtete, wie so viele andere Blätter, sehr positiv über die Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen Oberst Klein, der vor Ort hauptverantwortlich für das Kundus-Massaker war. "Mehr Rechtssicherheit für die Soldaten" heißt es und läßt böses ahnen, was die Schreiberlinge von den deutschen Truppen an der Front erwarten. Nun sei klar, so der Kommentar des Chefredakteurs, dass man nicht Soldaten "mit Parlamentsbeschluß" in den Krieg schicken könne und "sie dann, wenn sie kämpfen wie Kriegsverbrecher behandeln."
Auf Deutsch: man soll wegen ein paar toter Afghanen im Kriegsgebiet, nicht so viel Wind machen.

Hier mein Leserbrief dazu:
Notfalls ist Oberst Klein ein Fall für den Internationalen Strafgerichtshof

Überraschend ist die Einstellung des Verfahrens gegen Oberst Klein nicht, die Bundesanwaltschaft, eine weisungsgebunden Behörde, agierte bisher schon stets im Interesse der Regierung. Inhaltlich ist die Einstellung allerdings keineswegs nachzuvollziehen, auch nicht Ihr Bericht und Kommentar dazu. Egal wie die „ministerähnliche Amtsfigur mit der Zuständigkeit für kriegsähnliche Zustände“ (Ossietzky 08/2010) den Bundeswehreinsatz in Afghanistan wertet, war der Bombenangriff am Kundus ein schweres Verbrechen.

Der Angriff auf die zwei gestohlene Lastzüge, die im Flussbett stecken blieben, war militärisch nicht notwendig und angesichts der Gefahr ziviler Opfer zu keinem Zeitpunkt verhältnismäßig.
Oberst Klein konnte auch keinesfalls, wie die Bundesanwaltschaft meint, „davon ausgehen dürfen, dass keine Zivilisten vor Ort waren“. Die Nähe des Dorfes und die auf Videos klar erkennbaren Personen, die an den Lastwagen Benzinkanister abfüllten und zum Dorf trugen, sprachen eindeutig dagegen. Auf alle Fälle waren Klein und seine Leute selbstverständlich verpflichtet, sich vor einem so folgenschweren Angriff durch eigene Aufklärung genauer zu vergewissern. Aber zum Rausgehen und Nachschauen waren sie zu feige.

Da selbst die wenig zimperlichen Einsatzrichtlinien der NATO einen Luftangriff in einer solchen Situation nicht gestatten, haben sie dann den Bomberpiloten arglistig eine unmittelbare Bedrohung vorgetäuscht. Als diese Klein mehrfach drängten, die Zivilpersonen vor Ort durch Überfliegen warnen zu dürfen, hat ihnen der schneidige Oberst dies ausdrücklich untersagt. Sein Ziel war es, wie er selbst zugibt, möglichst viele „Aufständische“ zu „vernichten“. Und dies ohne Rücksicht auf Zivilisten, da er, wie er in seinem Bericht an die NATO schrieb, überzeugt war, „nur Feinde des Wiederaufbaus zu treffen“.

Selbst im Krieg ist dies ein klares Verbrechen. Würde dieses Massaker, das über 140 Menschen tötete, ungesühnt bleiben, wäre es nicht nur ein Skandal, sondern geradezu eine Aufforderung an die Truppe noch rücksichtsloser vorzugehen, als bereits schon jetzt. Wer meint, im Krieg gäbe es halt Tote, sollte sich mal vorstellen, nicht Afghanen, sondern 140 Deutsche wären „kollateral“ durch Bomben zerfetzt worden.

Steht zu hoffen, dass die befassten Rechtsanwälte noch ein Verfahren gerichtlich erzwingen können. Sonst wäre dies ein eindeutiger Fall für den Internationalen Strafgerichtshof. Dieser wurde ja dafür geschaffen, aktiv zu werden, wenn die heimische Justiz unwillig ist, Kriegsverbrecher zu verfolgen.

Mit freundlichen Grüßen,
Joachim Guilliard,
Heidelberg
-------------

Aus der Ruprik "Antworten" in Ossietzky 08/2010:

Karl Theodor zu Guttenberg. – Umgangssprachlich sagten Sie, könne man das, was in Afghanistan geschieht, Krieg nennen. Drücken Sie sich im Familienkreis umgangssprachlich aus? Im Amt dürfen Sie das offenbar nicht. Als ministerähnliche Amtsfigur mit der Zuständigkeit für kriegsähnliche Zustände haben Sie für wahrheitsähnliche Sprachschöpfungen krummzustehen. Sie sind jedoch in der glücklichen Lage, durch ihre intelligenzähnlichen Qualitäten vor verantwortungsähnlichen Konsequenzen geschützt zu sein.
Thomas Mitsch (Gast) - 27. Apr, 19:51

Trauer

Leserzitat aus der Zeitung - Merkel bei der Trauerfeier: "Deutschland verneigt sich vor den Toten". Erstens ist Frau Merkel nicht Deutschland und zweitens verneigt ein Land sich nicht.

Trackback URL:
http://jghd.twoday.net/stories/notfalls-ein-fall-fuer-igh/modTrackback

Kontakt

jguilliard(a)yahoo.de
»» Neue Einträge per E-Mail abonnieren

Suche

 

Aktuelle Beiträge

Umzug des Blogs auf "jg-nachgetragen.blog"
Da Twoday den Laden Ende des Monats schließt,...
JGuilliard - 22. Mai, 23:09
The war and the media — Double standards...
published on Workers World, 10.2.2018 The Pentagon...
JGuilliard - 19. Feb, 19:57
Syrien: Weitere Eskalation durch Angriffe...
Die Hinweise darauf, welch großes Eskalationspotential...
JGuilliard - 19. Feb, 18:48
Real War and Fake News: Die Kämpfe um...
(aktualisierte und erweiterte Fassung meiner gleichnamigen...
JGuilliard - 2. Feb, 11:27
Kurden im Zwielicht: Die türkische Aggression...
  (Der Beitrag erschien, etwas aktualisiert und...
JGuilliard - 31. Jan, 23:31
Doppelmoral und Propaganda - Der Krieg und...
Der Krieg und die Medien – die unterschiedliche...
JGuilliard - 22. Jan, 20:57
Fake News in Propagandaschlacht um Ost-Aleppo...
Ein Vergleich der Berichterstattung über die Kämpfe...
JGuilliard - 22. Jan, 20:47
"Krieg gegen den Terror" – eine Bilanz...
auf antikriegTV am 03.12.2016 veröffentlichtes...
JGuilliard - 9. Jan, 22:14

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Status

Online seit 3465 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 22. Mai, 23:09

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page

twoday.net AGB


Afghanistan
Europa
Internationales
Irak
Iran
Lateinamerika
Militarisierung
Nahost
NATO
Nordafrika
Propaganda
Umwelt
USA
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren