Farhat Bengdara – ein Kollaborateur im Hintergrund betreibt die Umleitung libyschen Vermögens

Wie italienische Medien Ende April berichteten, ist der britische Bankenriese HSBC bereits in Bengasi, um den Aufbau einer neuen libyschen Zentralbank zu betreuen. (A Bengasi nasce la «Banca centrale» dei ribelli, Il Sole 24ORE, 27.4.2011). Sein italienischer Mitbewerber UniCredit folgte nun, wie Maghreb Confidential meldete, begleitet vom Ölmulti Eni, nach. (Unicredit also has an eye on Benghazi, Maghreb Confidential, 26.5.2011)

Die italienische Bankengruppe, die zweitgrößte Europas, schmiedet bereits seit längerem Pläne zum Neuaufbau eines Banksystems in der Rebellenhauptstadt Bengasi, maßgeblich vorangetrieben von ihrem Vizepräsidenten Farhat Omar Bengdara, der bis vor kurzem noch der Gouverneur der Libyschen Zentralbank war.
 
Bengdara gehört mit dem Chef des „Exekutivrats“ der Rebellen, Mahmoud Dschibril, und dem früheren libyschen Wirtschaftsminister Ali Al-Issawi zu dem Kreis von libyschen Führungspersonen, die sich vergeblich für eine wesentlich stärkere wirtschaftliche Liberalisierung des Landes und mehr ausländische Investitionen einsetzten und ihre Vorstellungen nun durch den Aufstand durchsetzen wollen. Auch er kommt aus Bengasi und war wie diese auf das Geschehen offensichtlich sehr gut vorbereitet.

Der wirtschaftsliberale Banker, der wegen seines Nebenjobs als Vizepräsident von UniCredit, sehr oft in Mailand weilte, hatte sich gleich zu Beginn des Aufstands ins Ausland abgesetzt. Wochenlang war unklar, wo er sich aufhält und auf welcher Seite er steht. (Libyens undurchschaubarer Schatzmeister, Basler Zeitung, 9.3.2011)

Erst am 8. März meldete er sich aus Istanbul bei der Financial Times und behauptete, er könne von hier aus seine Tätigkeit als Zentralbankchef besser ausführen.
(Libyan central bank chief surfaces, Financial Times, 8.3.2011)

Wie er dem Blatt später in einem Interview mitteilte, hatte er in dieser Zeit ganz andere Pläne verfolgt. Er nutzte seine Position, um die Versuche seiner Regierung, libysche Kapitalanlagen aus Europa und den USA abzuziehen, solange zu blockieren, bis UN-Sanktionen deren Einfrieren ermöglichten. Nur dadurch, und weil er genaue Hinweise geben konnte, wo das libysche Kapital überall steckt, sind seiner Meinung nach die Sanktionsmaßnahmen so effektiv.
95 Prozent des gesamten libyschen Auslandsvermögen, insgesamt 130 Milliarden Dollar, konnten auf diese Weise, so Bengdara, festgesetzt werden. Diese Sanktionen treffen seiner Ansicht nach Tripolis mehr als alles andere. Nun berät er seine Kollegen im Übergangsrat dabei, wie sie an dieses Vermögen herankommen und wie sie den Export von Öl in Eigenregie organisieren können. (Libyan cash may be hidden in desert, Financial Times, 17.5.2011)

Die Libysche Zentralbank und die Libyan Investment Authority (LIA) halten zusammen mit 7,6 Prozent der UniCredit, Libyen ist damit zweitgrößter Aktionär der Bank. Das Investment wurde von der Regierung und rechten Medien in Italien so heftig angegriffen, dass der Langzeit-Bankchef Alessandro Profumo 2010 zurücktreten musste. Profumo dürfte nun in dieser Hinsicht durch das Wirken Bendaras rehabilitiert sein, der sein Amt als Vizepräsident, trotz der Einfrierung der Stimmrechte der libyschen Aktionäre behielt.

Als Vizepräsident von UniCredit, der zweitgrößten Bank Europas, hatte Bengdara sicherlich nicht nur zur italienischen Geschäftswelt enge Kontakte, sondern auch zu Berlusconis Regierung. Die Zusammenarbeit mit einer solchen Person, dürfte erheblich dazu beigetragen haben, die italienische Regierung zu überzeugen, trotz der engen wirtschaftlichen Verflechtungen mit Libyen an der Seite der Aufständischen in den Krieg zu ziehen.

Wie der Corriere della Sera berichtet, der Bengdara vor kurzem interviewte, traf er sich seit seinem Abgang aus Libyen in Rom mit höchsten Regierungsvertretern, darunter Berlusconis rechte Hand Gianni Letta und Außenminister Franco Frattini. («Il regime è condannato: cadrà entro tre mesi», Corriere della Sera, 14.5.2011)

Es ging dabei u.a. darum, Gelder aus den eingefrorenen Auslandsguthaben locker zu machen, Zunächst soll dies nur indirekt geschehen, indem es als Sicherheit für Kredite für den Übergangsrat in Bengasi verpfändet wird. Bengdara verlangt mindestens 3,6 Mrd. Dollar. Die EU müsse schnell handeln, so der Banker gegenüber dem Corriere, denn wenn in den „befreiten Gebieten“ kein Geld zirkuliere, können auch diejenigen, die einen Job haben, ihr Gehalt nicht bekommen. Und wenn es kein Brot gebe, würden die Menschen am Ende auf die Straße gehen: Dies wäre sehr schlecht für die europäischen Länder, die intervenieren.

Am 12. Mai nahm er auch an einer Verwaltungsratssitzung der UniCredit in Mailand teil. Dabei wurde beschlossen, zusammen mit Eni-Managern nach Bengasi zu fahren und sich dort mit den Führern der Rebellen zu treffen. Eni ist seit den 1950er Jahren in Libyen präsent und der ausländische Konzern mit dem größten Umsatz im Land.
Hauptanliegen bei den Gesprächen war Finanzierung und Organisation einer umgehenden Wiederaufnahme der Rohöl- Exporte von Libyen nach Italien. Diese sollen über eine neu geschaffene ostlibysche Öl-Gesellschaft abgewickelt werden, die mit Hilfe ausländischer Investoren so gestrickt ist, dass sie von den UN-Sanktionen nicht betroffen ist.
Die Aufständischen würden die Gewinne aus den Verkäufen erhalten und auch Rom könnte auf Belohnung für seine Kriegsbeteiligung hoffen: „Ihre Regierung war in den letzten Wochen sehr hilfreich bei der Unterstützung des libyschen Volk“, sagt Bengdara dem Corriere. Da die Regierung in Rom die richtigen Entscheidungen getroffen habe, könne Italien „eine Kontinuität ihrer Geschäftsverträge in Libyen erwarten.“

Schon die Verpfändung des libyschen Eigentums, das ihnen nicht gehört, wäre Diebstahl. Bengdara plant jedoch mit seinen Kollegen bei UniCredit die nächsten Schritte zur Übernahme der gesamten eingefrorenen libyschen Gelder und Anlagen. Seine Idee ist es, einen Treuhandfonds zu etablieren, dem sie übertragen und damit wieder verfügbar gemacht werden. Unicredit scheint bereit, einen solchen Fonds zu managen, zusammen mit einem internationalen Kuratorium aus Treuhändern, die von den USA und Europa benannt werden, sowie libyschen Beratern.
Hier ist Eile geboten. Die 130 Milliarden Dollar an eingefrorenen libyschen Vermögenswerten – das Ergebnis jahrzehntelanger Exporte von Öl und Gas – liefern auch ohne Zutun einen steten Geldstrom aus Zinsen und Dividenden. Diese können nun leicht in die falschen Hände geraten. Wenn Wertpapieranlagen nach ein, zwei, drei etc. Monaten auslaufen und die Depotbanken sie nicht reinvestieren, können diese die liquiden libyschen Mittel für eigene gewinnbringende Investitionen nutzen und die Rendite für sich behalten. Goldman Sachs hat z.B. die Finger auf 1,2 Milliarden Dollar libysche Staatsfonds, die Société Générale mindestens fünf Milliarden, Summen ähnlicher Größenordnung liegen bei der Citibank, der HSBC, der Bank of New York Mellon, beim Private-Equity-Fonds Carlyle und viele anderen Institutionen. „Unser Volk ist in Gefahr, schwere Verluste zu erleiden“, klagt Bengdara, „rund zwei Milliarden allein in diesem Jahr.“
Dass er maßgeblich für die Situation verantwortlich ist, erwähnt er in diesem Zusammenhang lieber nicht. Bei der Frage, wer die Leitung des geplanten Treuhandfonds übernimmt, denkt er selbstverständlich an sich.

Update 1.6.: Das folgende ist überholt: Öl-Chef Schukri Ghamen hat auf einer Pressekonferenz seinen Seitenwechsel verkündet - damit ist nun auch der letzte "Reformer" aus der libyschen Führung zum Westen übergelaufen. Evtl. wurde ihm einfache seine Position ihn Libyen zu unsicher, dürfte er in den Augen Gaddafis als unsicherer Kantonist gegolten haben.

Nachtrag, Schukri Ghamen:

Der Chef der Libyschen Nationalen Ölgesellschaft, Schukri Ghamen, scheint offenbar den entgegengesetzten Weg zu gehen. Mehrfach schon wurde berichtet, er sei geflohen und zu den Rebellen übergelaufen. Zuletzt Mitte Mai. (Gaddafis Ölminister flieht angeblich nach Tunesien, tagesschau.de, 17. 5.2011.) Ghanem trat auch als Befürworter wirtschaftlicher Öffnung des Landes in Erscheinung und hat gute Beziehungen zum Westen.
Doch wie Maghreb Confidential am 26.5. meldete, ist er zwar von seinem Posten zurückgetreten, allerdings nur, um sich besser um die Rettung libyscher Auslandsanlagen kümmern zu können.

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