Die Tragödie Haitis

Hilfsgüter kommen nun in großen Mengen ins Land, auch ohne dass Haiti den USA den Krieg erklären mußte, wie der haitianische Schriftsteller Georges Anglade in seiner gleichnamigen düsteren Polit-Satire zur Erlangung von Wiederaufbaugelder wie im Irak vorschlug. Anglade und seine Frau sind unter den Opfern des Erdbebens.

Dennoch, wenn man die aktuellen Infos über Haiti liest, gesellt sich zur Erschütterung unweigerlich auch die Wut. Das Beben war selbstverständlich ein Naturereignis, die Katastrophe aber ist menschengemacht.
 




"Wie dieses Erdbebenopfer, so wurde auch Haiti von US-amerikanischer Ausbeutung und Verschuldung erdrückt"

Jean Damu, "How the U.S. impoverished Haiti")

"Die Tragödie Haitis begann am 12. Januar" stand vor kurzem auf der Titelseite der FR. Das ist typisch für die hiesigen Medien, aber falsch. Bloß dämlich war ein Artikel der Süddeutschen Zeitung der die Armut, auf das Ausbleiben der „Transfers“ vom „Mutterland“ nach der Unabhängigkeit zurückführte. Zynisch und hinterlistig dagegen die New York Times, für die Haitis Elend einfach eine Folge von "Generationen langer Missregierung" ist.
"Haiti ist bekannt für seine zahlreichen von Menschen gemachten Probleme - seine extreme Armut, politischen Grabenkämpfe und seine Neigung zu Aufständen" heißt es bzgl. der sozialen Lage in einem Hintergrundartikel. (Mehr dazu bei Bill Van Auken Die Geschichte, die die USA und Haiti vereint, WSWS, 15. Januar 2010)

Bekanntlich begann die Tragödie Haitis 1492 mit der Besetzung durch Columbus, die die ursprüngliche Bevölkerung keine 30 Jahre lang überlebte. Der einst üppige Regenwald hielt nicht viel länger, das fruchtbare Land ist mittlerweile auf die Hälfte geschrumpft. (Georges Anglade widmete im Frühjahr 2008, während der Hungerrevolten in Haiti, einen Essay dem Mangobaum, dem "letzten Überlebenden der zerstörten haitianischen Flora". Axt am Mangobaum, SZ, 5.01.2010 )

Haiti war 1804 das erste Land, das sich vom Kolonialismus und der Sklaverei befreite – in Europa und den USA hat man das den Haitianer nie verziehen. Zunächst ließ Frankreich Haiti teuer für die Unabhängigkeit ihrer damals reichsten Kolonie bezahlen. Jahrzehntelang pressten sie gewaltige Summen aus der verarmten Republik – in heutiger Währung über 20 Milliarden Euro. Danach nahmen die USA das Land unter ihre Fuchtel und sorgten dafür, dass es das ärmste Land der Hemisphäre blieb.
"Haiti ist mit einem Schuldenstrick um den Hals geboren, den es fast 200 Jahre lang nicht hat abstreifen können." so Andrea Böhm treffend
in DIE ZEIT, 21.01.2010

"Keine Nation wurde für ihren Freiheitskampf so abgestraft wie Haiti. Embargos, Militärinterventionen und kleinere Raubzüge mit Kanonenbooten (auch deutschen) haben das Land verwüstet, bevor korrupte einheimische Eliten und Diktatoren das Ihre zur Zerstörung beitragen konnten – übrigens meist mit dem Segen der benachbarten Supermacht USA. Und mit den Millionen Francs, die dem Land über Jahrzehnte von den ehemaligen französischen Kolonialherren als »Entschädigung« abgepresst wurden, könnte man einen guten Teil des Wiederaufbaus finanzieren".
Die Forderung nach Schuldenerlass greift daher zu kurz. Tatsächlich stehen Haiti Reparationen in mindestens zweistelliger Milliardenhöhe zu. Die Regierung des letzten demokratisch gewählten Präsidenten, Jean-Bertrand Aristide, hatte diese populäre Forderung auch offiziell gestellt. Sie ernteten von den einstigen Kolonialherren nur Hohn und Spott.

Aristide wurde 2004 von den USA abgesetzt und außer Landes gebracht wurde. Die eingesetzten Nachfolger nahmen die Reparationsforderungen wieder zurück. Frankreich käme mit den 20 Mrd. Euro noch sehr gut weg. Würde man die Verzinsung danach wählen, welchen Gewinn das abgepreßte Kapital für die wirtschaftliche Entwicklung Frankreichs brachte, so wären es bereits bei läppischen 7,5% gut 4 Billionen US Dollar. (J. Damu, Haiti Makes Its Case for Reparations, San Francisco Bay View, 10.2.2004 und José De Côrdoba, Impoverished Haiti pins hopes for future on a very old debt, Wall Street Journal January 2/2004)
Oder anders ausgedrückt, soviel von Frankreich gehört eigentlich den Haitianer.

Die USA schulden Haiti selbstverständlich ebenfalls Milliarden. (siehe Bill Quigley vom Center for Constitutional Rights, Why the U.S. owes Haiti billions: The briefest history, by, San Francisco Bay View, 17.1.2010)

Siehe auch:

Fidel Castro, Reflexionen, 15.1.2010: Die Lehre Haitis

Mumia Abu-Jamal, Der Fluch Haitis - Leid und Elend der Bewohner des Karibikstaates sind menschengemacht

Jean Damu, Haiti: Blood, sweat and baseball, San Francisco Bay View, 24.1.2010

Aktuelle Infos aus Haiti dazu gibt es u.a: auf http://www.haitiaction.net/

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