Befreiung um jeden Preis - Der Irak nach der verheerenden Schlacht um Mossul

erschien leicht gekürzt in Ossietzky, 15/2017, August 2017
„Wenn man ein einzelnes Word sucht, um die US-Kriegführung der letzten eineinhalb Dekaden zusammenzufassen, würde ich Trümmer vorschlagen.“
Tom Engelhardt, Empire of Destruction - Precision Warfare? Don’t Make Me Laugh, TomDispatch, 20.7.2017
Neun Monate nach Beginn der Offensive auf Mossul, erklärte der irakische Premier Haider al-Abadi die Stadt vom „Islamischen Staat“ (IS oder arab. Daesch) befreit. Auch das Auswärtige Amt feierte dies in seiner Erklärung vom 11. Juli als „großer Erfolg für die irakische Armee, unterstützt durch die globale Anti-IS-Koalition, an der auch Deutschland beteiligt ist.“ Jetzt komme es darauf an, „die Region schnellstmöglich zu stabilisieren, um den Menschen wieder eine Lebensgrundlage vor Ort bieten zu können.“ Deutschland stehe dabei „fest an der Seite der irakischen Bevölkerung.“ Die eineinhalb Millionen Menschen aus Mossul sind davon jedoch offensichtlich ausgeschlossen. Im Unterschied zu den siegreichen Truppen haben die Einwohner der einstigen Metropole keinen Grund zu feiern.
 
Neun Monate nach Beginn der Offensive auf Mossul, erklärte der irakische Premier Haider al-Abadi die Stadt vom „Islamischen Staat“ (IS oder arab. Daesch) befreit. Auch das Auswärtige Amt feierte dies in seiner Erklärung vom 11. Juli als „großer Erfolg für die irakische Armee, unterstützt durch die globale Anti-IS-Koalition, an der auch Deutschland beteiligt ist.“ Jetzt komme es darauf an, „die Region schnellstmöglich zu stabilisieren, um den Menschen wieder eine Lebensgrundlage vor Ort bieten zu können.“ Deutschland stehe dabei „fest an der Seite der irakischen Bevölkerung.“ Die eineinhalb Millionen Menschen aus Mossul sind davon jedoch offensichtlich ausgeschlossen. Im Unterschied zu den siegreichen Truppen haben die Einwohner der einstigen Metropole keinen Grund zu feiern.

Die Stadt liegt wie Luftaufnahmen zeigen in Trümmern. (Mosul's Old City reduced to rubble: Satellite images show how the district has been almost completely destroyed during the battle to oust ISIS, Daily Mail, 20.7.2017) Bis zu 80 Prozent des Westens von Mossul sind zerstört. Und von einer Stabilisierung ist das Land nach drei Jahren eines rücksichtlosen und verheerenden Krieges gegen den Daesch weiter entfernt als zuvor.

Der „große Erfolg“ der irakischen Armee und der „globalen Anti-IS-Koalition“ zeichnet sich UN-Berichten zufolge dadurch aus, dass von den 54 Wohndistrikten Westmossuls 15 dem „Erdboden gleichgemacht“ und dabei fast 32.000 Häuser vollständig zerstört wurden. In den 23 mittelschwer und 16 leicht beschädigen Distrikten kommen weitere 16.000 zerstörte Häuser hinzu. In der Altstadt der Metropole, die auf eine Jahrtausende lange Gesichte blickt, wurden alleine über 5.500 Gebäude in Trümmern gelegt. Aussagen irakischer Offizieller zufolge sind die Verwüstungen nicht nur Kollateralschäden. „Die Leute hier haben seit jeher eine rebellische Natur“, so ein Major der Bundespolizei. „Ich hoffe diese Zerstörungen sind ihnen eine Lektion.“

Journalisten berichten von Hunderten von Leichen, die unter den Trümmern der Altstadt begraben liegen, von denen oft nur die Füße zu sehen waren. Schnell habe sich Verwesungsgeruch ausgebreitet. Unter den Leichen waren, so das Online Portal Middle East Eye, auch Kinder. Nicht alle Toten sind durch Gewalt ums Leben gekommen, manche sind offenbar auch verhungert oder verdurstet. (Mosul's bloodbath: 'We killed everyone - IS, men, women, children', Middle East Eye, 26.7.2017)

Wie schon in früheren Kriegen kümmert sich im Westen auch diesmal kaum jemand um die horrende Zahl von Opfern der Angriffe der eigenen Streitkräfte. „Eine beschämende Stille“ konstatiert diesbezüglich Patrick Cockburn, der renommierte Nahostkorrespondent der britischen Tageszeitung The Independent und fragt – mit Blick auf die Schlagzeilen über Aleppo – wo der internationale Aufschrei über das Massaker an Zivilisten bleibt. (A Shameful Silence: Where is the Outrage Over the Slaughter of Civilians in Mosul?, Counterpunch, 24.7.2017

Glaubt man den Verlautbarungen der US-geführten Allianz aus NATO-Staaten, Australien, Jordanien und Marokko sollen trotz der der schweren Bombardierungen nur 484 tote Zivilisten auf ihr Konto gehen. Eine dreiste Behauptung angesichts von 28.631 Raketen und Bomben, die sie nach eigenen Angaben im Zuge von 1525 Angriffen vom Boden und aus der Luft auf dichtbebaute Stadtviele abgefeuert haben, in denen noch Hunderttausende Menschen eingeschlossen waren. (Die Schlacht um Mossul: Der Mythos vom sauberen Krieg, Monitor, 06.07.2017)

Die britische Initiative Airwars, die täglich Berichte über die Angriffe der Koalition auswertet, zählte allein während der Offensive auf West-Mossul zwischen dem 19. Februar und 19 Juni 2017 5.805 Zivilisten, die sehr wahrscheinlich den Luft- und Artillerie-Angriffen der US-Allianz zum Opfer fielen. Sprecher der Initiative vermuten, dass die tatsächliche Zahl wesentlich höher ist, da noch Tausende Tote unter den Trümmern begraben seien. Nach Angaben des irakisch-kurdischen Geheimdienstes, die Cockburn von Hoshyar Zebari, einem führenden kurdischen Politiker, erhalten hat, wurden mindestens 40.000 Zivilisten während des Sturms auf Mossul getötet.(The massacre of Mosul: 40,000 feared dead in battle to take back city from Isis as scale of civilian casualties revealed, Independent, 19.7.2017)

[Zebari, der selbst aus der Stadt stammt, und schon früh ihre völligen Zerstörung bei Fortsetzung der Offensive vorhergesagt hatte, beschuldigt die irakische Regierung, der er selbst bis letztes Jahr als Finanzminister und Außenminister angehörte, keine Rücksicht auf die Bevölkerung genommen zu haben und völlig gleichgültig ihrem Leiden gegenüber zu sein.]

Angesichts der vollständigen Zerstörung aller 32.000 Gebäude in den am schwersten betroffenen Distrikten in denen zu dieser Zeit mehrere Hunderttausend Menschen eingeschlossen waren, ist auch dies vermutlich noch eine Unterschätzung. Wie überlebende Bewohner Amnesty International berichteten, wurde das vom Daesch kontrollierte Territorium umso dichter bevölkert, je mehr es schrumpfte. In den noch intakten Häusern drängten sich schließlich Gruppen von 15-100 Menschen. Deren Keller boten aber gegen die mit immer schwereren Bomben durchgeführten Luftangriffe kaum Schutz. (At any cost: The civilian catastrophe in West Mosul, Iraq, AI, 11.7.2017)

Welchen Anteil die verschiedenen Kriegsparteien an den Zerstörungen haben, lässt sich nicht genau abschätzen. Der größte Teil, dürfte Berichten zufolge, auf den Artillerie-Beschuss mit Mörser und Raketen durch die irakischen Truppen zurückzuführen sein, ein weiterer auf den Daesch, der viele Häuser vermint hat. Ein großer Teil der betroffenen Gebäude war aber, wie Aufnahmen der betroffenen Viertel zeigen, eindeutig durch Bombardierungen aus der Luft zerstört worden.(s. u.a. Patrick Cockburn, The massacre of Mosul: …, a.a.O., AI, At any cost ... )

Dies war auch zu erwarten. Wie Untersuchungen von Amnesty International, Human Rights Watch (HRW) und der britischen Initiative Airwars belegen, hat die US-geführten Allianz aus NATO-Staaten, Australien, Jordanien und Marokko sowohl die Häufigkeit der Luftangriffe als auch die Schwere der eingesetzten Waffen in den letzten Monaten massiv gesteigert. (s. Die Schlacht um Mossul: a.a.O., WDR, 6.7.2017, sowie In Battle Against ISIS in Syria and Iraq, Civilians Suffer Most, NBCNews, 10.7.2017)  
Zu Beginn der Offensive, bei der Rückeroberung der östlich des Tigris liegenden Stadtteile, setzten die Angreifer noch überwiegend auf Bodentruppen. Diese erlitten dabei jedoch unerwartet schwere Verluste, vor allem die als Speerspitze dienenden irakischen Eliteeinheiten der „Goldenen Division“. US-Berichten und Informationen von AI zufolge wurden zwischen 50 und 75 Prozent der ein Jahr lang speziell dafür trainierten Soldaten getötet oder schwer verwundet.

Die verbündeten Streitkräfte setzten daher immer mehr auf Artillerie und Luftangriffe. Beim Sturm auf den wesentlich dichter bebauten Westteil der Stadt, in dem rund 800.000 Menschen eingeschlossen waren, wurde den vorrückenden Einheiten schließlich der Weg regelrecht freigebombt. Nur mit Hilfe des Dauerfeuers der US-geführten Allianz sei es Bodentruppen, wie AP berichtete, möglich geworden, auf die engen Altstadtviertel vorzustoßen. Oft sei schon , wie AP berichtete, , Luftunterstützung beauftragt worden, um Gruppen von nur zwei bis drei Kämpfern mit leichten Waffen auszuschalten. Eingeschlossen unter Dauerfeuer, abgeschnitten von der Lebensversorgung und immer knapper werdendem Wasser wurde, wie Überlebende berichten, „das Leben zu lebenden Hölle“.

[Der Publizist Jürgen Todenhöfer, der Ende März Mossul besichtigt hatte, bezeichnet die Strategie der Angreifer jeden Abschnitt, den sie erobern wollen, „kurz und klein zu bomben“ für „absurd, pervers und auch für kriminell“ Kampf um Mossul: "90 Prozent der Toten werden Zivilisten sein", Deutschlandfunk, 28.03.2017]

„Das was wir jetzt machen ist eine Minimumlösung, wo wir unsere Technik ausspielen und unsere eigenen Opfer gegen Null halten,“ kommentierte Ulrich Scholz, Oberstleutnant a.D und ehem. Luftkriegsplaner der NATO, im WDR-Magazin Monitor den angeblich so sauber und präzise geführten Krieg „Aber dafür bluten halt jeden Tag immer mehr syrische oder irakische Zivilisten.“ Auch Amnesty International wirft der US-geführten Allianz vor, durch die Rückeroberung der Stadt „um jeden Preis“ unter Einsatz schwerster Waffen auf dicht bewohnte Stadtviertel gegen internationales Recht verstoßen, mit anderen Worten Kriegsverbrechen begangen zu haben.

Nachdem die Trump-Regierung Mitte Mai das „Einkreisen und Auslöschen“ des Daesch als neue Taktik anordnete, eskalierte die rücksichtslose Kriegsführung weiter. Laut Pentagon-Chef Jim Mattis soll durch die „Auslöschungskampagne“, die Rückkehr ausländischer Kämpfer der Terrortruppe, die die NATO-Staaten mittlerweile als das größte Risiko betrachten, durch rechtzeitige Tötung zu verhindert werden. (US plan to 'annihilate IS' raises questions over civilian toll, larger strategy, Deutsche Welle, 21.05.2017)

Britische Spezialeinheiten, die an der Offensive beteiligt waren, erhielten daher eine Liste mit den Namen von 200 britischen Dschihadisten, die vor Ort zu eliminieren sind. (SAS in Iraq given 'kill list' of 200 British jihadis to take out, Independent, 6.11.2016) Die Franzosen überlassen dies ihren irakischen Verbündeten, denen sie Dossiers über französische Daesch- Mitglieder zukommen ließen. (France’s Special Forces Hunt French Militants Fighting for Islamic State, Wall Street Journal, 29.3.2017 und France is ‘hunting down its citizens who joined Isis’ without trial in Iraq, Independent, 30.5.2017)

Indem zur Minderung des Risikos von Anschlägen in Europa oder Nordamerika jegliche Rücksicht auf die im Kampfgebiet festsitzende Bevölkerung aufgegeben wurde, die vom Daesch, bekanntermaßen, als Deckung genutzt und an der Flucht gehindert wurde, demonstrierten sie ein weiteres Mal die Geringschätzung arabischen gegenüber nordamerikanischen und europäischen Lebens.

Jürgen Todenhöfer schrieb bereits im November 2016, wenige Wochen nach Beginn der Offensive, einen wütenden Brief an die Bundeskanzlerin, in dem er sie aufforderte, sich endlich mit den Verbrechen zu befassen, die beim Sturm auf Mosul begangen werden. „Laut Amnesty International und Human Rights Watch begehen unsere Verbündeten im Irak schwerste Kriegsverbrechen. Sie foltern, sie ermorden Zivilisten und sie verstümmeln Leichen. Im Internet ist zu sehen, wie ein gefangener 13-jähriger Junge vor einen Panzer gelegt, erschossen und überrollt wird. All das im Namen der 60-Mächte-Koalition, der auch wir angehören. Außerdem töten die Bomben der US-geführten Koalition täglich Zivilisten. …. Wir sind durch Luftaufklärung, militärische Berater und deutsche Waffen am Angriff auf Mosul beteiligt. Das ist auch unser Krieg. Juristisch sind wir Mittäter.“

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